Seit mehr als einem Jahr gibt es in Hessen die Bezahlkarte für Flüchtlinge. In einer „Wechselstube“ in Gießen tauschen Flüchtlinge Gutscheinkarten gegen Bargeld.
Gießen (epd). Ein Jahr nach seinem Start hat das Gießener Bündnis gegen die Bezahlkarte eine positive Bilanz gezogen. Vor allem in den Wochen am Monatsanfang kämen sehr viele Flüchtlinge, um Gutscheine gegen Bargeld einzutauschen, erklärte das Bündnis am 23. Februar in Gießen. Teilweise würden an einem Montag, dem Tauschtag, bis zu 4.000 Euro an Bargeld an die Flüchtlinge ausgegeben. Das entspreche etwa 80 Menschen, die in der Regel Gutscheine im Wert von 50 Euro eintauschten.
Hessen hat ab Dezember 2024 die Bezahlkarte für Flüchtlinge eingeführt. Alle Kommunen seien angewiesen, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz nur noch über die Bezahlkarte auszuzahlen, erläuterte der Flüchtlingsreferent der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in der Region Nord, Ralf Müller. Nur wenige Kommunen würden sich dem entziehen.
Flüchtlinge kaufen Gutscheinkarten
Laut Bündnis können die Flüchtlinge mit den Bezahlkarten in den üblichen Supermärkten, Discountern oder Drogeriemärkten Gutscheinkarten kaufen. Mit diesen gehen sie dann in eine „Wechselstube“, die das Bündnis betreibt, und erhalten Bargeld für die Gutscheine. Es gebe ein Netzwerk an Menschen, die die Gutscheine aufkaufen. Zur Wechselstube kommen in Gießen zwei weitere Verteilstationen hinzu, an denen die Gutscheine gekauft werden können.
Ein Problem der Bezahlkarte sei, dass Flüchtlinge zum Beispiel oft auf Secondhand-Ware angewiesen seien, erklärte Maj Brinkmann vom Bündnis Seebrücke Gießen. Allerdings verfügten kleinere Unternehmen oder Läden meist nicht über ein entsprechendes Lesegerät, die Flüchtlinge bräuchten Bargeld.
Das Land Hessen erklärt, dass Leistungsberechtigte mit der Karte dort bezahlen können, wo Visa-Karten akzeptiert werden. Eine Barabhebung ist auf 50 Euro begrenzt. Die Länder wollten damit sicherstellen, dass Asylbewerberleistungen nur der Sicherung des eigenen Lebensunterhalts dienen und nicht an Schlepper oder Angehörige in Heimatländern überwiesen werden.
Aktion auf dem Gießener Wochenmarkt
Mit der Bezahlkarte werde eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, nämlich die Geflüchteten, gegängelt, entgegnete Müller. Die Bezahlkarte sei an kein Konto gebunden, man könne also nicht mit ihr überweisen. Ein funktionierendes System der Bargeldausgabe „ist kaputt gemacht worden“. Er höre aus den Kommunen, dass das Bezahlkarten-System aufwendiger sei als das bisherige, berichtete der Referent.
Am 28. Februar plant das Bündnis auf dem Gießener Wochenmarkt eine Aktion zur Bezahlkarte. Ab 10 Uhr werden Karten versteigert.