Land ohne Wissenschaftler - Nach Exodus fehlen Venezuela Akademiker
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Luiraima Salazar zeigt ihren Universitätstitel.
Berlin (epd).

„Ich würde gerne nach Venezuela zurückgehen und beim Wiederaufbau helfen“, sagt Luiraima Salazar in ihrer Wohnung bei Berlin. Auf dem Sofatisch steht eine kleine Fahne in ständiger Erinnerung an ihre südamerikanische Herkunft. Doch so einfach ist das nicht.

Am 24. Juni erschütterten zwei starke Erdbeben das krisengebeutelte Land, mehr als 6.000 Menschen starben. Ganze Stadtviertel in der Küstenregion La Guaira sind dem Erdboden gleich. Bis heute läuft der Wiederaufbau nur stockend, vor allem internationale Organisationen leisten Hilfe.

„Der Staat ist komplett abwesend“, sagt Salazar. Am Tag der Katastrophe sei das staatliche Institut für Erdbebenforschung nicht einmal in der Lage gewesen, die Doppelerdbeben zu melden: Es musste vier Stunden später die Angaben von US-Behörden übernehmen.

Öl-Anlagen „heruntergekommen“

Die späte Reaktion, die hohe Todeszahl und fehlende staatliche Hilfe sind Ausdruck einer Krise, die seit Mitte der 2010er Jahre über acht Millionen Menschen zur Ausreise zwang, darunter auch die 49-jährige Salazar.

Sie studierte in den 90er Jahren in Venezuela und Deutschland Geologie und arbeitete dann auf den Ölfeldern, die früher dem US-Konzern Exxon Mobil gehört hatten und von der sozialistischen Regierung von Präsident Hugo Chávez verstaatlicht wurden. Venezuela verfügt bis heute über die größten Erdöl-Vorkommen weltweit. „Die Anlagen waren heruntergekommen“, erinnert sich Salazar. Die Arbeit sei hart und teils gefährlich gewesen. In anderen Anlagen habe es Explosionen mit mehreren Dutzend Todesopfern gegeben. „Das ist nicht der Sozialismus, den sie immer propagiert haben“, sagte sie.

5.000 Menschen flohen täglich

Mit Chávez' Tod 2013 übernahm Vizepräsident Nicolás Maduro die Regierung. Unter ihm stieg die jährliche Inflation 2016 auf über 260 Prozent, während die Löhne gleich blieben. „Zuerst fehlte es uns an allem, danach hatten wir kein Geld mehr, um etwas zu kaufen“, erinnert sich Salazar. Neben Korruption und Misswirtschaft waren auch die zunehmend härteren Wirtschaftssanktionen der USA für die Krise verantwortlich.

2017 schlug die Regierung Proteste nieder, wobei laut einer unabhängigen Beobachtungsstelle mindestens 163 Menschen starben. Im Jahr darauf verließen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) täglich etwa 5.000 Venezolanerinnen und Venezolaner das Land. Auch für Salazar war es Zeit, nach Deutschland zurückzukehren. „Ich hatte all mein Erspartes aufgebraucht, mit meinem Lohn konnte ich meine Eltern nicht mehr unterstützen.“

Nach Angaben der Unesco führte die massive Auswanderung dazu, dass die Universitäten knapp die Hälfte ihrer wissenschaftlichen Beschäftigten einbüßten. Zugleich baute Staatschef Maduro seine Macht auch in der Forschung aus. So wurden das Institut zur Erdbebenforschung aus dem Wissenschaftsministerium ausgegliedert und dem Innen- und Justizministerium unterstellt. „Bekannte, die dort arbeiteten, erzählten mir, dass fortan das Militär das Sagen hatte“, sagt Salazar. Kritische Fachleute seien zum Ruhestand gedrängt worden, Messstationen verschwunden. Die Erdölproduktion Venezuelas halbierte sich laut der Weltbank zwischen 2013 und 2019 unter anderem in Folge von Misswirtschaft und fehlendem Personal.

Salazar zögert noch mit Rückkehr

Im Januar 2026 griffen die USA das Land an und entführten Maduro; seine Vizepräsidentin Delcy Rodríguez übernahm das Amt. Ein halbes Jahr später traf das Erdbeben einen ausgehöhlten Staat. „Viele der eingestürzten Häuser standen auf instabilem Boden, dafür hätte es stärkere Fundamente gebraucht“, sagt Salazar.

Nach dem Erdbeben drängen die USA nun auf einen Dialog mit der Opposition - mit dem Ziel der „Reinstitutionalisierung“ des Landes, also funktionierender Institutionen. Doch woher soll das nötige Fachwissen kommen, wenn so viele Menschen ins Ausland vertrieben wurden? „Solange unser Telefon bei der Einreise nach regierungskritischen Inhalten durchsucht werden könnte, glaube ich nicht, dass sich jemand zur Rückkehr entscheidet“, sagt Salazar.

Dann schaut sie kurz auf ihr Telefon: „Soeben wurde die Stiftung für Erdbebenforschung wieder dem Wissenschaftsministerium unterstellt.“ Es ist ein kleiner Sieg. Die Krise hat gezeigt, dass Fachwissen wichtiger sein kann als Loyalität.

Von Malte Seiwerth (epd)