Urlaub in Mogadischu: Die Kalaschnikows griffbereit
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Der Brite Ben Scott (r) im Fischereihafen von Mogadischu.
Mogadischu (epd).

In der großen Halle des Fischmarktes von Mogadischu liegen überall große, silbrige Leiber: Thunfische, Riesenmakrelen, Speerfische, Haie. Ben Scott, ein britischer Tourist, bestaunt die Ware, während er selbst von allen anderen in der Halle bestaunt wird. Denn erstens sind weiße Besucher in der somalischen Hauptstadt kein alltäglicher Anblick. Und zweitens wird der Fremde von zwei Bewaffneten eskortiert, die ihre Kalaschnikows griffbereit haben.

Scott, der eigentlich anders heißt, ist am Vortag in Mogadischu gelandet. Seitdem weichen die Bewaffneten nicht von seiner Seite, sobald er sein schwer gesichertes Hotel verlässt. Sie sind Angestellte einer Sicherheitsfirma, angeworben von der Agentur, die Scotts Reise organisiert hat.

Angespannte Sicherheitslage

Mogadischu hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder wegen seiner angespannten Sicherheitslage Schlagzeilen gemacht. Nach dem Sturz des diktatorisch regierenden Präsidenten Siad Barre 1991 brachen die staatlichen Strukturen zusammen, es folgte ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg. Seit 2007 kämpft die Al-Qaida-nahe Al-Shabaab-Miliz gegen die Regierung, die Miliz hat vor allem viele ländliche Gebiete unter ihrer Kontrolle.

Noch vor fünf Jahren galt die somalische Hauptstadt mit rund 100 schweren Anschlägen im Jahr als eine der am häufigsten von Terror betroffenen Städte der Welt. Im Vergleich dazu hat sich die Lage in Mogadischu verbessert. Allerdings ist die Al-Shabaab-Miliz militärisch wieder nahe an die Hauptstadt herangerückt.

Trotzdem nimmt die Zahl der Menschen zu, die als „Touristen“ in das Land einreisen. Zuletzt kamen laut dem somalischen Tourismusministerium 10.000 im Jahr, doppelt so viele wie im Vorjahr. Aber: Darunter sind viele Menschen mit somalischen Wurzeln, die seit Jahren in der Diaspora leben.

Das deutsche Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor Reisen nach Somalia: „Die Gefahr, Opfer von Attentaten, Überfällen, Entführungen und anderen terroristisch motivierten Gewaltverbrechen zu werden, ist allgegenwärtig“, heißt es in der Reisewarnung.

Ziel: alle Regionen der Welt besuchen

Ben Scott ist kein gewöhnlicher Reisender: Mogadischu ist für ihn ein Ziel unter vielen. Er hat die Welt in 330 Regionen geteilt, dazu zählt er zum Beispiel größere Inseln. Diese Regionen will er im Laufe seines Lebens alle besuchen, in 305 davon sei er schon gewesen. Das sei „in gewisser Weise albern“, räumt er ein. Aber „beim Reisen begegne ich Menschen, ihrer Kultur, ihrem Essen, sehe neue Landschaften - beim Reisen bekomme ich alles, was ich liebe“.

In der somalischen Hauptstadt wird er knapp zwei Tage bleiben. Er sei „einfach nur neugierig“, sagt der Anfang 60-Jährige, der als Selbstständiger in der Werbebranche arbeitet.

Im Fischmarkt stellt ihm sein örtlicher Reiseführer Mohamed Mohamoud die Leiterin einer Genossenschaft von 50 Händlerinnen vor. „Es ist beeindruckend, wie sie sich in den letzten 15 Jahren für Frauen in der Fischereiindustrie eingesetzt hat. Sie ist sehr bekannt“, erklärt Mohamoud. Scott hört interessiert zu - er wirkt gar nicht wie jemand, der nur den Nervenkitzel sucht.

Vor dem Fischmarkt bleibt er noch einmal stehen, unterhält sich mit ein paar Leuten über Musik und Fußball. Über diese Themen komme man mit der halben Welt ins Gespräch, sagt er. Nach den ersten Eindrücken empfindet er den Ort als „überraschend vertraut und alltäglich“. Gleichzeitig räumt er ein, dass er die ganze Zeit etwas nervös sei - er wisse, dass hier „jederzeit etwas passieren kann“.

Am nächsten Tag geht es weiter nach Äthiopien

James Willcox hat die Reiseagentur „Untamed Borders“ (auf Deutsch: „Ungezähmte Grenzen“) gegründet, die Scotts Urlaub in Mogadischu organisiert hat. Er reise selbst leidenschaftlich gerne, sagt Willcox in einem digital geführten Interview, auch an Orte, die andere gefährlich finden, wie beispielsweise Afghanistan. Das habe ihn vor rund 20 Jahren auf die Idee gebracht, Reisen in schwer erreichbare Länder anzubieten, wie Jemen, Afghanistan und Libyen. Westliche Regierungen haben für viele dieser Länder Reisewarnungen herausgegeben. Somalia sei unter den Zielen seiner Agentur das einzige Land, in dem Besucher und Besucherinnen - seine Kundschaft besteht zu etwa gleichen Teilen aus Männern und Frauen - eine bewaffnete Eskorte benötigen.

Scott ist inzwischen in den engen Gassen der historischen Altstadt von Mogadischu unterwegs. Vorher hat er unter anderem eine bedeutende Moschee gesehen, den historischen, zerfallenen Leuchtturm besichtigt, war im Hafen der Fischer und hat am Strand zu Mittag gegessen. Jetzt schlängelt er sich mit seinen bewaffneten Begleitern durch das Gedränge im Basar, vorbei an lokalen Gewürzen, traditioneller Kleidung und Läden, in denen Sportkleidung oder Schmuck verkauft wird. Dann ist es Zeit für den Rückweg zu seinem Hotel, und am nächsten Morgen geht es weiter nach Äthiopien. Scott freut sich über die Gespräche, die er hier und da führen konnte, und über den Eindruck, dass die Menschen in Mogadischu eigentlich auch ein ganz alltägliches Leben führen, wie er sagt.

Von Bettina Rühl (epd)