Ediane Tavares ist besorgt. „Der Fluss ist unsere Lebensgrundlage“, sagt die Lehrerin, die in einer Fischergemeinde auf der Flussinsel Marajó in der Amazonasmündung im Norden Brasiliens lebt. Im vergangenen November hat der halbstaatliche Konzern Petrobras im sogenannten Block 59 Probebohrungen zur Erdölförderung aufgenommen.
Die Fischer treffen seitdem immer öfter Petrobras-Schnellboote auf offenem Meer. „Bislang sind sie nur eine vage Bedrohung, aber wir haben Angst vor einem Unfall, der unsere Lebensgrundlage zerstören könnte“, sagt Tavares.
Fischer schließen sich zusammen
Erst vor Kurzem hat Tavares auf Marajó an einem Treffen mit Fischern und Muschelsammlerinnen aus ganz Brasilien teilgenommen, um den Widerstand gegen das Vorhaben auszudrücken. Organisiert hat das Event die katholische Organisation CPP, die auch von dem Hilfswerk Misereor unterstützt wird.
Die Umweltbehörde Ibama hatte die Bohrungen in dem ökologisch sensiblen Gebiet vor der Küste im vergangenen Oktober genehmigt - entgegen den Empfehlungen eigener technischer Gutachter. Nicht nur in Brasilien sorge die Entscheidung für Schlagzeilen, wohl auch weil nur wenige Wochen später die Weltgemeinschaft zur Weltklimakonferenz (COP 30) in der Amazonasmetropole Belém zusammenkam.
Seit die COP 30 vorbei sei, achte die Öffentlichkeit weniger auf das Thema und die Regierung wolle die Bohrungen vorantreiben, sagt Sueli Miranda, die Sekretärin des CCP-Regionalbüros Nord. Die Fischerinnen und Fischer müssten sich zusammenschließen, um überhaupt mit den Behörden ins Gespräch zu kommen.
Giftige Bohrflüssigkeit
Petrobras verwies bei der Genehmigung auf die Erfahrungen mit Tiefseebohrungen. Unfällen sei vorgebeugt, hieß es damals. Tatsächlich hat der Konzern seit 2020 laut Recherchen der Deutschen Welle 1.700 Bußgelder für Umweltsünden kassiert.
Erst im Januar liefen bei einem Unfall im Block 59 etwa 160 Kilometer von der Küste entfernt bis zu 18.000 Liter einer Bohrflüssigkeit aus, die vom Konzern als „ungefährlich“ bezeichnet wurde. Doch die Umweltbehörde stoppte die Bohrungen für 30 Tage und verhängte ein Bußgeld, weil die Substanz für Pflanzen und Tiere giftig sei.
Der ausgelaufene Schlamm enthalte „außer toxischem Diesel auch Bariumsulfat, das auf dem Meeresboden giftiges Barium freisetzen kann“, sagte der Ozeanologe und Umweltschützer Gustavo Moura dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Umsetzung des Notfallplans, den die Umweltbehörde Ibama bei der Genehmigung für ausreichend gehalten hat, verhindere nicht, dass die giftigen Stoffe den Meeresboden erreichten. „Wir wissen nicht, wann die Toxizität sich abbaut“, sagt Moura.
Rekorde bei der Erdölförderung
Seit Februar bohrt Petrobras wieder im Block 59: Laut der brasilianischen Regierung ist der Ausbau der Erdölförderung im Amazonasbecken zur Finanzierung der Energiewende notwendig. Vor wenigen Tagen meldete der halbstaatliche Konzern nun einen ersten Fund. Noch sei jedoch nicht abzusehen, welche Mengen in mehr als 2.800 Metern Tiefe vorhanden seien.
Erst im Juni hat Brasilien mit rund 4,5 Millionen Barrel einen neuen Rekord in der Erdölförderung aufgestellt. Trotz der Erschließung neuer Vorkommen warb Präsident Luís Inácio Lula da Silva noch bei der Klimakonferenz öffentlichkeitswirksam für einen Fahrplan zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas.
Angst vor Krebserkrankungen
Die Bundesstaatsanwaltschaft hatte Ibama bereits im Februar nahegelegt, die Bohr-Genehmigung bis zur Vorlage umfassender Studien aufzuheben. Moura fragt: „Wie viele neue Bohrlöcher sind konkret zur Energiewende nötig? Wann können wir aufhören, neue Bohrungen einzuleiten?“ Der nationale Fahrplan zum Ausstieg aus fossilen Energien könnte solche Antworten geben. Doch das von Präsident Lula bis Februar eingeforderte Dokument liegt bisher nicht vor.
Die Menschen in der Gemeinde Marajó wollen sich weiter wehren. „Bei unserem Treffen habe ich Berichte von Fischerinnen und Fischern gehört, die nach Ölunfällen Haut- und Krebserkrankungen bekommen haben“, sagt die Lehrerin Ediana Tavares. „Wir können die nächsten sein. Aber noch lässt sich hier im Amazonasbecken das Schlimmste verhindern.“