Trotz Wohnungsnot stehen zwei Millionen Wohnungen leer
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Trotz Wohnungsnot stehen zwei Millionen Wohnungen leer.
Bielefeld (epd).

Die zwei Wohnhäuser im Bielefelder Osten sind gut erhalten. Der Garten ist gepflegt, Unkraut kaum zu sehen. In den Fenstern hängen Gardinen und stehen Blumen. „Die sind aus Plastik“, sagt ein Nachbar. „Die Häuser stehen seit vielen Jahren leer.“ Er kenne viele junge Familien, die hier einziehen könnten. „Aber die Besitzer lassen sich nicht überreden. Sie haben anscheinend genug Geld.“

Solche Aussagen kennt Martin Enderle zuhauf. Über 300 Leerstände in Bielefeld hat sein Umweltverein „pro grün“ auf einer Homepage gesammelt. Bürgerinnen und Bürger haben vielfach gut erhaltene Ein- bis Mehrfamilienhäuser gemeldet. „Oft stehen Plastikblumen im Fenster. Und Zeitschaltuhren fürs Licht sollen vortäuschen, dass das Haus nicht leersteht“, beklagt der Ex-Umweltdezernent Bielefelds. „Das ist hochgradig unsozial und skandalös.“

Leerstände nutzen statt neu zu bauen

Enderle kennt unzählige gut erhaltene Leerstände, teils mit mehreren Wohnungen. „Darüber hinaus gibt es einzelne Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, die auch lange leerstehen“, sagt der Landschaftsplaner. Mit dem Leerstandsportal will er erreichen, dass vor dem Wohnungsbau auf der grünen Wiese zunächst Leerstände und Baulücken genutzt werden. „Ich bin nicht strikt gegen Neubauten“, betont er.

In der Tat ist der Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr groß. Rund 50 Hektar Land verschwinden dafür täglich, ein Großteil für Wohnungsbau. Denn die Wohnungsnot ist groß. So fehlen nach jüngsten Angaben des Pestel-Instituts von Januar 2026 rund 1,4 Millionen Wohnungen. Gleichzeitig aber stehen viele Wohnungen leer, beim letzten Zensus 2022 wurden 1,9 Millionen gezählt.

Stadt Bielefeld mit Leerstandsmanagement

Bielefeld hat darauf reagiert und ein Leerstandsmanagement eingeführt, das leere Häuser, aber hauptsächlich Baulücken erfasst: „Die Rückmeldungen der bislang über 400 kontaktierten Eigentümerinnen und Eigentümer fallen überwiegend positiv aus“, sagte eine Sprecherin. „Erste Baulücken konnten bereits aktiviert werden.“

Andere Städte wie Berlin, München, Münster, Aachen oder Köln gehen noch weiter und haben Zweckentfremdungssatzungen oder -verbote eingeführt, die auch Wohnungsleerstände beachten. Dortmund hat diese seit 2012. „Die Erfahrungen zeigen, dass bereits das Bestehen der Satzung als Signalwirkung gegen Zweckentfremdung verstanden wird“, erklärt ein Stadtsprecher. Dennoch wurden 2025 noch fast 200 Gebäude kontrolliert.

Bußgelder bei Nichtnutzung möglich

Wird Wohnraum nicht innerhalb von sechs Monaten wieder genutzt, können Bußgelder folgen. In Bonn, wo beim letzten Zensus angeblich rund 5.000 Wohnungen leer standen, sind das „Geldbußen von bis zu 500.000 Euro“. Es sei denn, man kann nachweisen, dass bald saniert wird oder noch das Geld fehlt. Da bietet Bonn „verschiedene Beratungsangebote“ über Förderungen.

Aber es gebe auch „Problemimmobilien“ - etwa bei Erbstreitigkeiten oder älteren Besitzenden. Oft ließen sich die Gebäude wegen Vandalismus oder Vermüllung dann nicht mehr renovieren. Hier wünscht sich die Stadt „neue rechtliche Eingriffsgrundlagen“.

Für die Stadt Düsseldorf ist darum die „frühzeitige Identifikation“ entscheidend: „Neben dem eigenen Ermittlungsdienst setzen wir hier auch auf die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger, um Leerstände zeitnah zu erfassen und den Dialog mit den Eigentümern zu suchen.“ 2025 wurden rund 440 leerstehende Wohnungen bekannt. Eine „spezialisierte Task Force“ kümmere sich darum, Lösungen zu finden.

In München Verbot von Zweckentfremdung

Lange leer stehende Objekte sind häufig in einem schlechten Zustand und sanierungsbedürftig. In Aachen waren zuletzt über 2.500 Wohnungen seit sechs Monaten nicht mehr belegt. Wohl um keine Zeit zu verlieren, geht die Stadt München mit ihrem Zweckentfremdungsverbotsgesetz gar nach drei Monaten gegen Leerstände vor.

Verband: Verbote „politische Folklore“

Dagegen hält der Verband Haus & Grund Deutschland Verbote für „politische Folklore“, was „erhebliche Verwaltungsressourcen“ benötige, die bei schnellerer Ausweisung von Bauland fehlten. „Anstatt sich politisch vor allem an wenigen Spekulanten oder Unbelehrbaren abzuarbeiten, sollte die lokale Politik diejenigen aktivieren, die bauen und investieren wollen“, sagt Matthias zu Eicken, Leiter Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik. Der „marktaktive Leerstand“ liege bei „rund 522.000 Geschosswohnungen“, viele davon in schrumpfenden Regionen.

Solche Zahlen bezweifelt der Bielefelder Leerstandskritiker Martin Enderle: „Städte messen Leerstände oft danach, ob sie bei den Energieversorgern abgemeldet sind.“ Oft werde ein leerstehendes Haus aber nicht dort abgemeldet, was man daran sieht, dass abends per Zeitschaltuhr Licht brennt.

Um Missbrauch von Wohnraum in Nordrhein-Westfalen einzudämmen, hat NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) ein Faires-Wohnen-Gesetz angekündigt. Es soll noch vor der Sommerpause beschlossen werden und das so genannte Wohnraumstärkungsgesetz von 2021 ablösen.

Von Uwe Pollmann (epd)