Viele Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind laut einer WDR-Umfrage in Klassenchats mit problematischen Inhalten konfrontiert. Mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler zwischen zehn und 16 Jahren (35 Prozent) gab an, dort bereits belastende oder unangenehme Inhalte gesehen zu haben, wie der WDR in Köln erklärte. WDR-Intendantin Vernau rief dazu auf, Medienkompetenz auch als vorbeugende Kraft im digitalen Raum neu zu denken.
Rund acht von zehn Schülerinnen und Schülern seien Mitglied in einem Klassenchat (82 Prozent), meist beim US-Messengerdienst WhatsApp. In der Befragung wurden Klassenchats als digitale Räume definiert, in denen Schülerinnen und Schüler unter sich sind.
Viele erleben Beleidigungen, Mobbing und Ausgrenzung
Die Erfahrungen mit belastenden Inhalten reichen der Umfrage zufolge von Beleidigungen oder Bloßstellungen von Schülern oder Lehrkräften über Ausgrenzung und Hass bis zu Nacktaufnahmen. Mehr als zwei Drittel der Schüler mit solchen unangenehmen Erfahrungen im Klassenchat hätten Beleidigungen oder Bloßstellungen von Schülerinnen und Schülern oder Lehrerinnen und Lehrern gesehen (69 Prozent). Mehr als die Hälfte von ihnen habe Ausgrenzung oder Mobbing einer Person mitbekommen (54 Prozent).
Jeder vierte junge Mensch, der etwas Belastendes im Klassenchat erlebt hat, hat laut Umfrage Videos oder Bilder von Gewalt oder Verletzungen gesehen. Mehr als jede oder jeder Sechste habe „Inhalte, die zu Hass, Gewalt oder Ausgrenzung gegen bestimmte Gruppen aufrufen“ gesehen. Rund zwölf Prozent seien mit Videos oder Bildern von nackten Körpern konfrontiert gewesen.
Sorgen über Chats geäußert
Jedes vierte Kind, das Mitglied in so einem Chat ist, habe sich schon Sorgen über etwas gemacht, das im Klassenchat gepostet wurde, erklärte der WDR. Etwa jede oder jeder Sechste habe aufgrund der Chats schon einmal keine Lust gehabt, in die Schule zu gehen, jedes zwölfte befragte Kind habe deswegen geweint.
In den Klassenchats geht es laut WDR vorwiegend um schulische Themen, lustige Inhalte und privaten Austausch. Es passiere jedoch regelmäßig, dass Klassenchats eskalierten.
„In einer Phase der Orientierungslosigkeit bekommt man ein unfassbar mächtiges Werkzeug in die Hand, das man ausprobiert“, sagte der Bildungsexperte und Buchautor Bob Blume dem WDR. Zugleich könne man den Effekt, den es auf andere Mitmenschen, auf Mitschülerinnen und Mitschüler, aber noch nicht einschätzen. „Das führt dann eben zu diesen massiven Problemen.“
Cyberkriminologe: Kinder im digitalen Raum alleingelassen
Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger kritisierte, dass Kinder und Jugendliche seit mindestens zwei Generationen im digitalen Raum komplett alleingelassen worden seien. "Wir haben zugelassen, dass sie mit extremistischen Inhalten, mit gewalttätigen Inhalten und mit pornografischen schweren Delikten konfrontiert werden, sagte der Leiter des Instituts für Cyberkriminologie an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg dem WDR.
WDR-Intendantin Katrin Vernau erklärte, keine Schülerin und kein Schüler sollte mit Gewalt, Hass, Ausgrenzung oder sexuellen Inhalten konfrontiert werden. "Dafür müssen wir Medienkompetenz neu denken. Das gelte nicht nur als Antwort auf Desinformation, sondern als vorbeugende Kraft im digitalen Raum, vor allem für junge Menschen.
Für die Umfrage hat das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap den Angaben zufolge im Auftrag des WDR 1.257 Schülerinnen und Schüler zwischen zehn und 16 Jahren in Deutschland online befragt. Darunter seien 1.029 Nutzerinnen und Nutzer von Klassenchats gewesen.