Zwischen Fake News und Wahrheitssuche
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Ausstellung "Wirklich. Kunst und Realität 1400-1900" im Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Ausstellung zu Kunst und Realität im Arp Museum Rolandseck
Remagen (epd).

Das Bild verbreitet Pfadfinder-Idylle: Menschen sitzen am Feuer, während ihre Pferde friedlich neben ihnen warten. Im Hintergrund wehen Fahnen auf der Spitze zweier Zelte munter im Wind. Der niederländische Künstler Philips Wouwerman, der diese Szene 1650 malte, war Spezialist für Darstellungen von Heereslagern. Dass es sich um Szenen aus dem grausamen Dreissigjährigen Krieg handelt, ist ihnen jedoch kaum anzusehen: Fake News zu Zeiten des Barocks.

„Die tatsächlichen Schrecken des Dreissigjährigen Krieges werden hier bewusst verharmlost“, erklärt Susanne Blöcker, Kuratorin der Ausstellung „Wirklich. Kunst und Realität 1400-1900“. Die Frage nach der Authentizität von Bildern stellt sich nicht erst, seit sich mit Künstlicher Intelligenz beliebige, täuschend realistische Abbildungen erzeugen lassen.

Das Verhältnis zur Wirklichkeit ist eine der grundlegenden Fragen, mit denen sich die Kunst seit jeher beschäftigt. Die Ausstellung im Arp Museum beleuchtet, wie sich das Verständnis von Realität im Laufe von fünf Jahrhunderten veränderte. Zu sehen sind bis zum 6. September insgesamt 71 Gemälde, Skulpturen und Fotografien vom Mittelalter bis in die Moderne.

Darunter sind etwa Werke der Impressionisten Gustave Caillebotte und Max Liebermann, des niederländischen Barock-Malers Cornelis de Heem oder des mittelalterlichen Meisters des Marienlebens. Gemälde aus der Sammlung Rau im Arp Museum werden ergänzt durch Leihgaben der Wuppertaler Privatstiftung Volmer und des Frankfurter Städel Museums.

Realistische Landschaften als Ausdruck von Wahrhaftigkeit

„Die Ausstellung will den Blick auf Realitäten lenken, die uns heute fremd anmuten, die für die Menschen vergangener Zeiten aber durchaus wahrhaftig waren“, erklärt Blöcker. So waren etwa im Mittelalter Engel und Teufel sehr real. Gemälde wie „Das Jüngste Gericht“ (nach 1460) vom Meister des Marienlebens erschienen seinen Zeitgenossen durchaus realistisch. Das Bild zeigt, wie am Jüngsten Tag die Toten aus den Gräbern steigen. Für die Seligen schließt der heilige Petrus mit einem Schlüssel den Himmel auf. Die Verdammten hingegen werden von schwarzen Teufeln in die Tiefe der Hölle gestoßen. Um den Wahrheitsgehalt des Bildes zu verdeutlichen, bettet der Künstler die gesamte Szene in eine realistische Landschaft mitsamt einer mittelalterlichen Stadt ein.

Die Kunst des Barock arbeitete hingegen bewusst mit unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen. Das hohe künstlerische Niveau, etwa der niederländischen Meister, lässt die Darstellungen auf den ersten Blick äußerst realistisch erscheinen: Die spiralförmig abgeschnittene Zitronenschale auf dem Stillleben von Cornelis de Heem scheint aus dem Bild herauszuragen und zum Berühren nah.

Stillleben: Realistische Darstellungen mit Symbolkraft

Die Fische auf dem Gemälde von Guiseppe Recco sehen so aus, als seien sie gerade frisch gefangen worden: Das Wasser perlt noch von den Schuppen ab. Doch bei genauerem Hinsehen verbirgt sich hinter diesen lebensnahen Darstellungen eine zweite Ebene: Da liegen auf dem scheinbar realistischen Stillleben Blumen oder Früchte nebeneinander, die unmöglich zur gleichen Jahreszeit gewachsen oder gereift sein können. Insekten oder aufgebrochene, faulende Früchte verweisen auf die Vergänglichkeit allen Lebens.

Das Spiel mit Symbolen und verborgenen Bedeutungen wird im 19. Jahrhundert von einem neuen Realismus abgelöst. Die politischen Revolutionen von 1848 und die Industrialisierung rücken das einfache Volk ins Blickfeld der Kunst. Die geschönte Wirklichkeit weicht nach und nach dem Bestreben, soziale Missstände sichtbar zu machen.

In seinem großformatigen Gemälde „Arme Leute“ (1858) setzt Angilbert Göbel eine alte Frau und einen kleinen Jungen in Szene, die zusammengesunken am Eingang einer Kirche sitzen. Der ehemalige Städel-Direktor Georg Swarzenski hielt das Bild für eines der bedeutendsten Werke der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich war es zu dieser Zeit ungewöhnlich, Menschen unterer sozialer Schichten künstlerisch in den Mittelpunkt zu rücken.

Fotomanipulationen: keine Erfindung der KI

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirft die zunehmende Verbreitung der Fotografie die Frage nach der Authentizität der Malerei auf. Fotografie ermöglichte die Verewigung eines flüchtigen Moments. Inspiriert davon schloss sich in Paris eine Gruppe junger Maler zusammen, die später als Impressionisten in die Kunstgeschichte eingingen. Es ist kein Zufall, dass ihre erste Ausstellung im Fotoatelier von Nadar stattfand. Der Fotograf manipulierte schon 1863 ein Bild, indem er ein Foto montierte, das ihn im Korb eines Fesselballons hoch in der Luft zeigt. Ein Fake-Foto, das damals noch hohe Kunstfertigkeit erforderte, heute aber mithilfe von KI ein Kinderspiel wäre.

Von Claudia Rometsch (epd)