Auf einem Parkplatz hinter der Alten Synagoge in Erfurt beginnt am 3. August eine archäologische Erkundungsgrabung zum Unesco-Welterbe der Stadt. Auf einer knapp 100 Quadratmeter großen Fläche soll erforscht werden, welche Überreste der mittelalterlichen Bebauung im jüdischen Viertel noch im Boden erhalten sind, sagte Christian Tannhäuser vom Landesamt für archäologische Denkmalpflege am Mittwoch in Erfurt. Im Fokus stehen Mauerreste eines großen steinernen Gebäudes, die bereits in den 1950er Jahren dokumentiert wurden.
Die Untersuchungen sind laut Tannhäuser auf sechs bis acht Wochen angelegt. Ziel ist, die bislang vorliegenden historischen Quellen, Karten und geophysikalischen Messungen mit den tatsächlichen archäologischen Befunden abzugleichen. Die Fachleute hoffen dabei nicht nur auf Erkenntnisse zur mittelalterlichen jüdischen Besiedlung, sondern auch auf Hinweise zur frühen Stadtgeschichte. Das Grabungsareal liegt im ältesten Siedlungskern Erfurts, sodass auch Funde aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit möglich sind.
Suche nach dem Tanzhaus der jüdischen Gemeinde
Die Beauftragte für das Unesco-Welterbe bei der Stadtverwaltung, Karin Sczech, sagte, die besondere Aufmerksamkeit gelte dem möglichen Standort des sogenannten Tanzhauses der zweiten jüdischen Gemeinde Erfurts. Historische Forschungen sprechen dafür, dass sich das Gebäude im 14. und 15. Jahrhundert an dieser Stelle befunden hat.
Das Tanzhaus sei kein ausschließlich religiöser Ort gewesen, sondern diente auch für Hochzeiten, Familienfeiern und Versammlungen. Nach bisherigen Erkenntnissen könnte es sich um einen umgebauten christlichen Steinbau gehandelt haben. Die Archäologen hoffen auf Hinweise zur Entstehungszeit und zu späteren Umbauten.
Synagoge im Jahr 1736 abgebrannt
Bekannt ist bereits, dass sich das Areal im Zentrum der zweiten mittelalterlichen jüdischen Gemeinde befand. Dazu gehörten Wohnhäuser, ein Gemeindebrunnen sowie die 1736 abgebrannte zweite Synagoge. Historische Quellen belegen ihren Standort, der heute teilweise überbaut und damit unzugänglich für die Archäologen ist.
Die Untersuchungen sollen zugleich Grundlagen für die weitere Entwicklung des Welterbe-Areals liefern. Auf dem Gelände ist langfristig ein Informations- und Besucherzentrum für das Erfurter Unesco-Welterbe vorgesehen. Einen konkreten Zeitplan dafür gibt es laut Stadtentwicklungs-Dezernent Lars Bredemeier bislang nicht. Erst müssten die Ergebnisse der Grabung ausgewertet werden. Erst danach könne entschieden werden, wie die archäologischen Befunde in die weiteren Planungen einbezogen werden. Bis zu einer Realisierung des Zentrums dürfte daher noch ein Zeitraum von wenigstens acht Jahren vergehen. Auch das Welterbekomitee müsse in die Planungen einbezogen werden.
Fundstelle wird wieder verschlossen
Nach Abschluss der Grabung soll die Fundstelle wieder verschlossen werden. Die freigelegten Mauerreste werden konservatorisch gesichert und anschließend wieder mit Sand und Erdmaterial verfüllt. Damit könnten die historischen Strukturen dauerhaft im Boden erhalten bleiben. Die Sicherung im Untergrund ermögliche es zugleich, die Befunde gegebenenfalls in künftige Präsentationskonzepte einzubeziehen.