Dresden ehrt Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch
Dresden (epd).

Getroffen haben sie sich offenbar nicht. Zumindest ist nirgendwo notiert, dass Paula Modersohn-Becker (1876-1907) und Edward Munch (1863-1944) sich persönlich begegnet sind. Dennoch eint sie die Art ihres Schaffens. Grund genug für die Staatliche Kunstsammlungen Dresden, eine Ausstellung mit Werken beider Persönlichkeiten zu präsentieren. Anlass ist der 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker am 8. Februar.

"Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens” heißt die neue Ausstellung im Dresdner Albertinum. Zu sehen sind ab Sonntag rund 150 Werke, darunter auch Arbeiten von Zeitgenossen der beiden Protagonisten. Die Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen kommen aus etwa 20 Museen und aus dem Bestand der Kunstsammlungen, vor allem aber aus Sammlungen in Norwegens Hauptstadt Oslo und in Bremen. Im Mittelpunkt stehen existenzielle Fragen.

Laut Kuratorin Birgit Dalbajewa sind Munch und Modersohn-Becker in ihrer Zeit Künstler gewesen, „die besonders intensiv, individuell und mit einer unverwechselbaren Handschrift versuchten, eine neue Sprache zu finden“. Sie hätten an einer Vereinfachung der Figuren gearbeitet, immer mit dem Ziel, einen bestimmten Ausdruck zu erreichen. Beide verbinde die Beschäftigung mit den großen Sinnfragen, wie sie auch Philosophen und Publizisten gestellt hätten. Schon im jungen Alter seien sie sehr reflektiert gewesen.

150 Werke der Moderne

Co-Kurator Andreas Dehmer sagt, beide seien „vorangegangen, haben expressiv gearbeitet, teilweise noch vor den Künstlern der bekannten 'Brücke'“. Edvard Munch sei später von der Künstlergruppe „Brücke“ sogar angeworben worden, habe aber eine Mitarbeit abgelehnt. Der Norweger sei einer der wichtigen Wegbereiter für den modernen Expressionismus, sagt Dalbajewa: „Da kam auch Modersohn-Becker nicht daran vorbei.“ Dass sie seine Werke kannte, sei sicher.

Seismografen ihrer Generation

Der Generaldirektor der Kunstsammlungen, Bernd Ebert, nennt Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch „Seismografen ihrer Generation, mit einer eigenständigen wie innovativen Bildsprache.“ Ihre Biografien verbinde „das Bewusstsein um die Zerbrechlichkeit des Lebens.“ In ihren Werken seien Tiefe und Wahrhaftigkeit.

Beide hätten sich mit Lebenskreisläufen und mit Lebensstufen beschäftigt, sagt Kuratorin Dalbajewa. In ihren Werken spielten Geburt, Kindheit und Jugend, aber auch der reife Mensch eine Rolle. Zudem sei das Thema Nacktheit als etwas Natürliches für sie sehr zentral. Modersohn-Beckers „Selbstbildnis als stehender Akt“ gilt als das erste von einer Künstlerin geschaffene Aktbildnis der eigenen Person.

Stille Einfachheit

Die Künstlerin, die zeitlebens ihre Werke kaum ausgestellt oder verkauft hat, habe eine „große stille Einfachheit angestrebt, um die Würde eines Menschen in eine entsprechende Form zu bringen“, sagt Dalbajewa. Inspiriert wurde die gebürtige Dresdnerin vor allem in Paris und Worpswede. Sie lebte aber auch wie Munch eine Zeit lang in Berlin.

Beide haben zudem immer wieder Dresden besucht. Unter den Leihgaben aus dem Munch-Museum Oslo ist eine Filmsequenz aus dem Jahr 1927, die Munch einst in Dresden aufgenommen hat. Zu sehen sind unter anderem die Hofkirche und die Sophienkirche.

Themen bei Modersohn-Becker sind insbesondere Landschaften, Porträts und Stillleben. Bei Munch seien es vor allem Geschlechterbeziehungen, die sich durch sein Werk ziehen, sagt Kurator Dehmer. Themen sind Eifersucht und Einsamkeit, Liebe und Schmerz. Fast 1.800 Bilder hat Munch hinterlassen.

Späte Anerkennung

Modersohn-Becker hat rund 700 Bilder geschaffen. Als Frau in ihrer Zeit blieb ihr eine Ausbildung an einer der königlichen Akademien verwehrt. Sie nahm privaten Unterricht. Doch eine breite Anerkennung blieb ihr zu Lebzeiten verwehrt. Sie starb mit nur 31 Jahren kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde (1907-1998) an einer Embolie.

Erst nach ihrem Tod sei in den 1920er Jahren erkannt worden, „wie wichtig und besonders Modersohn-Becker als Künstlerin war“, sagt Dalbajewa. Es habe plötzlich zahlreiche Publikationen gegeben. 1926 wurde dann für die Künstlerin ein Museum in Bremen eingerichtet.

Von Katharina Rögner (epd)