Berlinale setzt auf gesellschaftspolitische Filme
Berlin (epd).

Die Aussage von Jury-Präsident Wim Wenders zur Eröffnung der Berlinale, Film solle sich „aus der Politik heraushalten“ wirkte irritierend. Konterkarierte er damit doch die allgemeine Wahrnehmung, die zweite Festivalausgabe unter Tricia Tuttle setze im Wettbewerb und im Programm wieder stärker auf politische Filme statt auf die Promi-Dichte.

Das gilt auch für den bisher stärksten Wettbewerbsbeitrag „Rose“. In der österreichisch-deutschen Produktion von Markus Schleinzer spielt Sandra Hüller (ein paar Stars schaden ja nicht) eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt. Nachdem sie schon zehn Jahre lang als Soldat im Dreißigjährigen Krieg gekämpft hat, schlüpft sie in die Identität eines gefallenen Kameraden, um dessen Erbe in einem ihr fremden Dorf anzutreten. Zunächst begegnen ihr die Einheimischen skeptisch. Aber nachdem Rose einen Bären erlegt und den heruntergekommenen Gutshof aufgemöbelt hat, taut die Gemeinschaft auf. Es könnte alles so schön sein, aber irgendwann kommt Roses Geheimnis doch ans Licht und die Dörfler fordern Rache für die Täuschung.

„Rose“ verwehrt sich kalkulierter Emotionalisierung

Schleinzer inszeniert das als formal anspruchsvolles Historiendrama in Schwarzweiß. Da wird geschuftet, trockenes Brot gekaut und der Natur getrotzt. Sandra Hüller performt hier gleich doppelt wunderbar mit Narbe im Gesicht, grobporiger Haut und ungelenker Sprödigkeit: einmal als Rose und einmal als Frau, die ihrerseits einen Mann verkörpert. Dass sie der Männerrolle mehr als gerecht wird, nutzt ihr am Ende nichts. Während wir uns noch über die frühneuzeitliche Bigotterie echauffieren, sickert langsam die Erkenntnis durch, dass wir auch heute noch meilenweit von einer Gesellschaft entfernt sind, in der Gender keine Rolle mehr spielt. Nicht dezidiert, aber auf vielen Ebenen subtil politisch verwehrt sich „Rose“ außerdem kalkulierter Emotionalisierung und hat gute Chancen auf einen Bären.

Ähnlich brutal geht es auch in dem türkischen Bergdorf in Emin Alpers „Kurtulus“ zu, ebenfalls im Wettbewerb. Dank vornehmlich männlicher Minderwertigkeitskomplexe flammt hier eine Blutfehde erneut auf, als Mesut, der Bruder des religiösen Anführers im Ort, durch seine Visionen eine Art kollektive Psychose auslöst. Worauf das hinausläuft, ist nach 20 Minuten klar. Statt allgemeingültig davon zu erzählen, dass es beim „Kampf um die Köpfe“ jedweder Ideologie stets auch darum geht, wer die mitreißendste Erzählung präsentiert, zieht „Kurtulus“ redundante Schleifen. Wer sehen will, wie sture Männer im Wahn Gesellschaften ruinieren, schaltet einfach die Nachrichten ein.

Klimpern auf der Gefühlsklaviatur

Mit „At the Sea“ gelingen dem ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó dagegen in der ersten Hälfte viele starke Momente: Laura (Amy Adams) kommt nach sechs Monaten Entziehungskur zurück ins Haus am Meer in Cape Cod. Der kleine Sohn entfremdet, die Teenager-Tochter überfordert, der Ehemann verunsichert. Es ist zwar eine große Freude, mit Adams eine Frau um die 50 mit einem echten Körper auf der Leinwand zu sehen, auch die familiären Dynamiken arbeitet das Ensemble fein heraus. Aber am Ende spielt der Film etwas zu pathetisch auf der Gefühlsklaviatur und klimpert beliebig dahin.

Feministisch ermutigend ist ein Abstecher in die Sektion Forum. In ihrem Debütfilm „Was an Empfindsamkeit bleibt“ arbeitet Daniela Magnani Hüller einen Mordversuch auf, den ein Mitschüler 16 Jahre zuvor an ihr begangen hat. Der „Täter“ erhält hier jedoch keinen Raum. Die Regisseurin blickt mit Menschen verschiedener Institutionen - ihre ehemalige Lehrerin, eine Kriminalpolizistin, ein Gerichtsmitarbeiter, die damals in ihren Fall involviert waren - zurück auf das traumatische Erlebnis. Die Rekonstruktion der Tat inklusive Vorgeschichte und die Muster, die sich durch die Schilderung ähnlicher Fälle ergeben, offenbaren strukturelle Frauenfeindlichkeit als Voraussetzung für Femizide. Also Morde an Frauen, weil sie Frauen sind, in Deutschland statistisch alle drei Tage meist durch (Ex-)Partner oder Zurückgewiesene begangen. Magnani Hüllers Dokumentarfilm ist ein eindringliches Plädoyer dafür, genauer hinzusehen, sich einzumischen und sich gerade nicht herauszuhalten.

Von Maxi Braun (epd)