Mehr als 140 Meter trennen Joachim Neumann von seiner Freundin und den vielen anderen, denen er und seine Mitstreiter zur Flucht verhelfen wollen. Zwischen ihnen steht die Berliner Mauer mit Wachtürmen, Todesstreifen und bewaffneten Grenzsoldaten. Hinüberzukommen ist fast unmöglich. Und so wagen die Fluchthelfer den Weg darunter durch. Monatelang arbeiten sie sich auf dem Rücken liegend durch den Untergrund - Zentimeter für Zentimeter.
Nicht lange zuvor hätten sie sich diese Mühen sparen können. Im Sommer 1961 verließen rund 2.400 Menschen täglich die DDR Richtung Westen. Zwar stand „Republikflucht“ schon seit 1957 unter Strafe. Doch im geteilten Berlin ließ sich kaum jeder Flüchtende aufhalten. Das SED-Regime reagierte mit einem kilometerlangen Stacheldrahtzaun, der ab dem 13. August 1961 die Stadt durchschnitt und bald zur Mauer ausgebaut wurde.
Schon drei Monate später floh der damals 22-jährige Neumann mit einem falschen Pass nach West-Berlin. Seine Freundin Christa wollte er nachholen. „Der Bau von Tunneln war damals verbreitet und gar nicht so exotisch, wie es heute klingt“, erzählt der heute 87-Jährige bei einer Führung des Vereins Berliner Unterwelten. Über 70 Tunnel wurden bis zur Wiedervereinigung von beiden Seiten der Grenze gegraben, nur 19 führten zum Erfolg. Im Dezember 1961 gelang es erstmals Menschen, durch einen Stollen vom Pankower Friedhof in den Westen zu kriechen.
Berlin schlecht für Tunnelbau geeignet
Mit diesem Vorbild vor Augen schloss sich Neumann in West-Berlin einer studentischen Gruppe von Fluchthelfern an. Doch überall konnten Spitzel lauern. Zudem ist der Untergrund Berlins größtenteils sandig, das Grundwasser steht hoch - ungünstig für den Tunnelbau. Als Ausgangspunkt wählte die Gruppe daher einen Keller in der Bernauer Straße, wo der Boden aus dem stabilen Sedimentgestein Mergel besteht. Dafür war die Entfernung zu ihrem Ziel von hier aus länger als anderswo in Berlin. „Bei so langen Tunneln ist es unheimlich schwer, die Orientierung zu behalten“, sagt er.
Trotz aller Hindernisse verhalfen sie beim ersten Versuch 29 Menschen zur Flucht. Doch Neumanns Freundin blieb unerreichbar. Die Kuriere der Gruppe fanden sie nicht. Also grub er an einem neuen Tunnel mit, der noch vor seiner Fertigstellung aufflog. Die Fluchtwilligen wurden verhaftet, Christa zu knapp zwei Jahren Haft verurteilt. „Die Gruppe hat sich aufgelöst nach diesem Fiasko“, sagt Neumann.
Doch er selbst gab nicht auf: Aus dem Keller einer alten Bäckerei heraus startete er mit neuen Mitstreitern einen weiteren Versuch - der ebenfalls scheiterte. Um die Kosten teilweise zu decken, verkauften die Fluchthelfer Film- und Fotorechte ihrer Operation an Medien. 1964 gelang ihnen mit 145 Metern Länge und zwölf Metern Tiefe der aufwendigste Fluchttunnel der Berliner Geschichte.
Ein Toilettenhäuschen als Pforte zur Freiheit
Für 57 Menschen wurde ein Toilettenhäuschen in der Strelitzer Straße zur Pforte in die Freiheit - auch für die auf Bewährung freigekommene Christa. Hier waren die Fluchthelfer am 3. Oktober 1964 an die Oberfläche gelangt. Als die letzten Flüchtlinge eingestiegen waren, gerieten sie jedoch in eine Schießerei mit Grenzern und trafen einen von ihnen mit einer Pistolenkugel in die Schulter. Am nächsten Tag erfuhren sie vom Tod des Unteroffiziers Egon Schultz. Dieser sei „meuchlings“ von West-Terroristen ermordet worden, hieß es in der SED-Propaganda. Erst Jahre nach dem Fall der Diktatur wurde bekannt, dass Schultz tatsächlich durch versehentliche Schüsse seiner Kameraden starb.
Der Tunnel, der Neumann und seine spätere Frau wieder vereint hat, ist heute nicht mehr erhalten. Viele andere hatten weniger Glück als sie. Ein unvollendet gebliebener Fluchtstollen lässt sich heute bei Führungen der Berliner Unterwelten einsehen. Erst 25 Jahre nach der Flucht von Christa, am 9. November 1989, fällt die Mauer. Sie forderte mindestens 140 Todesopfer.