Mobiles Mosten: "Die wilde Mischung gibt den leckersten Saft"
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Mobiles Mosten: "Die wilde Mischung gibt den leckersten Saft"
Bötersen (epd).

Dieser Duft: Begleitet vom lauten Schreddern der Rätzmühle steigt eine leichte Süße in die Nase, manchmal auch säuerlich, aber immer frisch, mit einer herben Note von Schale und Kerngehäuse. Auf dem Bauernhof von Petra und Hermann-Christian Solte im niedersächsischen Bötersen östlich von Bremen riecht es, als hätte jemand einen ganzen Korb Äpfel auf einmal aufgeschnitten, nur noch intensiver. Der landwirtschaftliche Betrieb mit rund 300 Milchkühen ist an diesem Montag Treffpunkt für viele aus der Region, die aus ihren Äpfeln Saft machen lassen wollen, oft Stammkunden. Dazu ist Henning Lange mit seiner mobilen Mosterei „Heidemost“ aus dem Aller-Leine-Dreieck in das Dorf gekommen, schon im vierten Jahr zu Gast bei Familie Solte.

„Das weckt Kindheitserinnerungen“, schwärmt Petra Solte, die mit ihrer Tochter Hedda säckeweise Äpfel stemmt und in den Einfülltrichter der Anlage kippt, dabei faule Früchte aussortiert. Sie erinnert sich an den Opa, der die Äpfel mit einem alten Taschenmesser geschält hat, an die Apfelbäume in der Region, die schon immer dazu gehörten. „Das ist Tradition“, sagt sie und blickt in diesem Jahr auf rund zehn Zentner, die ihre sechsköpfige Familie gesammelt hat: auf dem eigenen Hof und von den Allmende-Bäumen in der Gemeinde, von denen jeder pflücken kann.

Der Boden vibriert

Langsam werden die Solte-Äpfel vom Förderband aufgenommen, fallen - der Sauberkeit wegen - in ein Wasserbad und rollen dann in die Rätzmühle, die einen nach dem anderen zerkleinert: „Krrrrrrrrrrr, ratsch, ratsch, ratsch“. Das Geräusch ist laut und rau, manchmal ein metallisches Rattern, das sich mit jedem Schwung Obst verändert. Für einen Moment klingt die Maschine fast gleichmäßig. Dann kommen die nächsten Äpfel: „Krrr-krrr-krrr!“ Der Boden des zweieinhalb Tonnen schweren Most-Anhängers vibriert unter den Füßen von Henning Lange.

Erntezeit bei den Obstbäumen, das bedeutet: Kaum sind die Äpfel der Soltes verarbeitet, kommt schon der nächste Kunde, diesmal mit Kisten voller leuchtend roter Wellant-Äpfel, die bei Allergikern begehrt sind. „Wir kriegen aus einer Tonne Obst im Durchschnitt knapp 600 Liter Saft“, schätzt Henning Lange. Der Clou dabei: Jeder, der hier einen Termin bei der mobilen Mosterei gebucht hat, bekommt den Saft aus den eigenen Früchten. Am Ende spuckt die Maschine die ausgepressten Überreste der Äpfel aus, den Trester: Schalen, Fruchtfleisch, Kerne, fast trocken, prima für den Kompost oder als Viehfutter.

Verarbeitet werden mengenmäßig vor allem Äpfel, mit Abstand auch Birnen und Quitten. „Vergangenes Jahr hatten wir eine Rekordernte, aber auch in diesem Jahr ist es nicht schlecht, weil die Blüte prima lief, die Bienen gut geflogen sind“, sagt Verena Lange, die zusammen mit ihrem Mann im siebten Jahr „Heidemost“ betreibt. „Und es gab weder Frost noch Hagel.“

Mehr als 400 Mostereien

In Deutschland gibt es laut der bundesweiten Mostereienübersicht des Naturschutzbundes (Nabu) in 15 Bundesländern derzeit 320 stationäre und 129 mobile Mostereien, die zu den Kunden kommen. Überall ist gerade Hochbetrieb, bis Mitte November wird vielerorts noch gemostet, dann die letzten späten Sorten. Bei einer Mindestmenge von meist 50 Kilo Obst wird nach dem tatsächlich erzielten Saftvolumen in Litern und den verwendeten Verpackungen abgerechnet.

Es geht aber nicht nur um den Saft, die mobile Mosterei ist auch ein Erlebnis. Besonders für die Kinder aus der örtlichen Kita, die zwischendurch zu Besuch kommen und staunend mit großen Augen auf die Saftpresse im XXL-Format schauen. Henning Lange hält ihnen den Trester hin und fragt: „Schmeckt doch nach Apfelchips, oder?“ Im Chor schalt ihm ein lang gezogenes „Jaaa“ entgegen.

„Echt lecker“

Und später, als es ans Probieren des frischen Saftes geht, sind die Kinder wieder begeistert. „Echt lecker“, sagt ein Junge aus der Gruppe. Doch Vorsicht ist angesagt, denn der Saft ist noch heiß, weil er am Ende im Pasteur, einer Art Durchlauferhitzer, kurzzeitig und vitaminschonend auf 78 bis 82 Grad Celsius erwärmt wird, um ihn haltbar zu machen. Schließlich wird er bei „Heidemost“ in Polyethylenbeutel abgefüllt, die drei, fünf oder zehn Liter fassen. Die „Bags“ kommen dann in einen Umkarton und sind mit einem Hahn ausgestattet, über den jederzeit gezapft werden kann.

Selten kommen die Kunden mit sortenreinen Äpfeln. „Das muss auch gar nicht sein“, meint Verena Lange. „Die wilde kunterbunte Mischung gibt den leckersten Saft, das ist immer eine runde Sache.“ So geht es auch Petra Solte, die aus ihren Äpfeln gut 270 Liter Most bekommen hat. Ob sie zufrieden sei? Die hauswirtschaftliche Betriebsleiterin lacht. „Ja, total.“ Und überhaupt sei der Tag immer großartig. „Das ist für mich eine Herzensangelegenheit, der letzte schöne Termin im Jahresablauf auf dem Hof. Dann kommt der Winter.“

Von Dieter Sell (epd)