Holger Hennies schaut mit gemischten Gefühlen auf sein Zuckerrübenfeld nahe Schwüblingsen bei Hannover. Besonders am Rand steht teils hüfthoch der Gänsefuß, ein Kraut, das hier nicht gerne gesehen ist. Es braucht Licht, um zu keimen. Das gab es in diesem Jahr reichlich, denn Hitze- und Dürreperioden haben den Rüben massiv zugesetzt. Ihre ansonsten weit ausladenden Blätter, die in guten Jahren den Boden ordentlich beschatten, sehen kümmerlich aus. Und dann die Rübe selbst: Hennies zieht eine aus dem sandigen Boden. Der Moment der Wahrheit.
Der studierte Landwirt, 56 Jahre und in vierter Generation Bauer, schüttelt den Kopf: „So groß wie eine Mohrrübe.“ Es war einfach zu trocken, was auch der diesjährige Erntebericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums bestätigt. Und der Gänsefuß hat die Lage zugespitzt. Denn das Kraut wächst rasant und konkurriert mit den Rüben um Licht, Wasser und wichtige Nährstoffe, was zu drastischen Ertragseinbußen führen kann.
Extreme Trockenheit
Einige Meter vom Feldrand entfernt sieht es schon besser aus. Da hat der Einsatz einer künstlichen Beregnung für ordentliches Blätter-Wachstum gesorgt. Eine Rübe, die Holger Hennies hier prüft, ist um den Faktor 10 größer und wiegt ein gutes Kilo.
Die Landwirte in dieser Region kennen sich mit Trockenrisiken aus. Beregnung gehört für sie schon seit Jahrzehnten zum Geschäft. „Aber in diesem Jahr war es schon extrem“, sagt Holger Hennies, der zusammen mit seiner Frau Claudia Königsmann den „Mitmachhof“ in Schwüblingsen bewirtschaftet.
Das Paar hat Sendungsbewusstsein, will verständlich machen, wie Landwirtschaft funktioniert: Sie lässt Schul- und Kita-Kinder an ihrem Arbeitsalltag teilhaben. Er engagiert sich als Präsident des Niedersächsischen Landvolkes und Vize des Deutschen Bauernverbandes.
Damit das alles gut funktioniert, ist Holger Hennies mit seinen 90 Hektar Anbaufläche einer Ackerbau-Betriebsgemeinschaft beigetreten. Zusammen mit einer Kollegin und drei Kollegen bewirtschaftet er insgesamt 700 Hektar. Alle tragen gemeinsam bei Anbau und Vermarktung Risiken und Ertrag. Einer für alle, alle für einen. Aufgeteilt wird nach Arbeit, Boden und Kapital, je nachdem, wie viele Stunden jemand gearbeitet, wie viele Hektar und wie viel Geld und Feldinventar eingebracht wurden.
Zahl der Gemeinschaftshöfe wächst
„Rund zwölf Prozent der landwirtschaftlichen Höfe in Deutschland werden als Gemeinschaftsbetriebe geführt“, sagt Ulrich Klischat, Kooperations-Experte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Hannover. Tendenz steigend. Bei Holger Hennies - grüne Weste und Lederhut, grau-melierter Bart, ein großer Kerl - kam die Idee dazu 2013 auf. „Ich hatte ein Jahr, bei dem es wirklich nicht gut lief, weil wir einen schweren Hagelschaden hatten. In Teilbereichen hat es fast alles vernichtet. Und das ausgerechnet in einem Hochpreisjahr zwischen zwei schlechten.“
Über einen großen Betrieb, davon ist er überzeugt, kann das Risiko deutlich besser gestreut werden. „Die Größe macht uns gerade mit Blick auf die Klimaveränderungen resilienter. Und wir haben eher die Chance, wirklich etwas Neues auszuprobieren.“ Zum Beispiel mit dem Anbau von Dinkel, Silberzwiebeln und Schalotten. Oder Sonnenblumen. „Haben wir nach drei Jahren wieder eingestellt“, sagt Hennies. „Weil die Sonnenblumen mehr Wasser brauchen als gedacht. Und sie werden deutlich schlechter bezahlt als etwa Raps.“
Auch wenn jemand ausfällt, bietet die Gemeinschaft mehr Sicherheit. „Mein Kompagnon hatte einmal in der Getreideernte eine Lungenentzündung und durfte sechs Wochen keinen Staub einatmen“, erinnert sich Hennies. „Früher wäre das eine Katastrophe gewesen. In so einem großen Laden bekommt man das hin.“ Er selbst habe sich vor fünf Jahren Ende Februar die Bänder in der Schulter angerissen, kurz vor der Frühjahrsbestellung, wenn die meiste Arbeit ansteht. „So konnte ich noch ein wenig auf dem Trecker sitzen, und die andere Arbeit wurde gemacht.“
„Gönnen können“
Das Fünferteam, deren Felder sich in der Nord-Süd-Achse auf 20 Kilometern ausdehnen, streut das Risiko auch durch eine Vielzahl an Kulturen: Mais, Raps, Weizen, Sommer- und Wintergerste, Roggen, Dinkel, Zwiebeln und Kartoffeln. „Allein bei den Kartoffeln haben wir 20 Sorten“, zählt Hennies auf und nennt unter anderem Annabelle, Linda, Belana, Monique, Laura und - sensibel im Anbau - Bamberger Hörnchen. Aber auch die Zwiebeln auf den Feldern sind anspruchsvoll. „Das sind Mimosen, die brauchen Familienanschluss, da müssen wir öfter schauen“, sagt Hennies, lacht und betont: „Kartoffeln und Zwiebeln, davon leben wir, die bringen pro Hektar die größte Wertschöpfung.“
Damit diese Gemeinschaft gut läuft, sind Absprachen nötig, viele Absprachen. Das Team trifft sich alle zwei Wochen, um zu diskutieren, was anliegt: Liquiditätsplanung, die aktuelle Erntearbeit, Bauprojekte. „Man darf nicht zu scharf hinterher rechnen“, sagt Hennies. „Man muss gönnen können. Es soll ein faires System sein. Aber wer auf den letzten Cent schaut, für den funktioniert das nicht.“ Ob er in diesem Jahr zufrieden sei, trotz Hitze und Trockenheit? „In der Summe ja“, zieht Hennies seine ganz persönliche Erntebilanz.
Zuckerrüben: Da geht noch was
Zurück zu den Zuckerrüben, die sich laut Chef des Braunschweiger Herstellers „Nordzucker“, Lars Gorissen, vielerorts aufgrund der Trockenheit und Schädlingen bisher „nicht optimal“ entwickelt haben. Aber: da geht noch was.
„Die wachsen bis in den November“, sagt Hennies. Er hofft auf weiteren Regen und will unbedingt noch ein anderes Feld als zu Beginn der Tour durch seine Flur zeigen. Hier, ein paar Kilometer weiter südlich, gibt es einen stark lehmigen Sandboden, der zudem mehr Regen abbekommen hat. Was sofort auffällt: Die Rüben stehen gut, ein grünes Meer mit geschlossenem Blätterdach. Und es gibt deutlich weniger Kraut, kaum Gänsefuß. Hennies freut sich: „Da kann man direkt sehen, wie sich das Risiko streuen lässt.“