In Olliver Zobels Berufsalltag ging es zuletzt um Sparzwänge, Gemeindefusionen oder Konzepte für die kirchliche Jugendarbeit. Noch ist der 57-jährige Theologe evangelischer Dekan im Umland von Mainz. Doch zum Jahresende wird er auf einen der heikelsten Posten wechseln, den die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zu vergeben hat: Als neuer Propst der deutschsprachigen Protestanten wechselt er nach Jerusalem - wo Krieg und Gewalt die meisten Hoffnungen auf eine Beilegung des seit Generationen lodernden Nahost-Konflikts längst zunichte gemacht haben.
„Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehe, wenn sich viermal täglich die Warn-App aktiviert“, räumt Zobel ein. Eine Vorstellung davon, was ihn vor Ort erwartet, hat er dennoch. Insgesamt fünf Jahre lang lebte er während des Theologiestudiums und danach mit seiner Frau bereits in der Region. Unter anderem leitete er in Latrun, auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Tel Aviv, ein christliches Gästehaus. Dennoch wird der Pfarrer sich in den Monaten bis zum Antritt der neuen Stelle auf die Aufgabe und die Lebensumstände in Jerusalem gründlich vorbereiten - persönliches Sicherheitstraining inklusive.
Kaiser reiste zur Kircheneinweihung nach Palästina
Der evangelische Propst zu Jerusalem und seine Mitarbeiter betreuen die deutschsprachigen Protestanten in Israel, den Palästinensergebieten und Jordanien. Sie sind aber auch zuständig für mehrere evangelische Stiftungen, zudem fungiert der Propst als oberster Repräsentant der EKD in der Region. In der eng bebauten Altstadt von Jerusalem trennen keine 100 Meter Luftlinie die deutsche evangelische Erlöserkirche mit dem Sitz der Propstei und eines der wichtigsten Heiligtümer der Christenheit, die Grabeskirche am überlieferten Ort der Hinrichtung und Auferstehung Jesu.
Zobel, der als Propst in Jerusalem auf den Rheinländer Joachim Lenz folgt, sieht sich nicht nur dank seiner Landeskenntnisse gut gerüstet für die künftigen Aufgaben. „Die Herausforderungen erinnern an Situationen, die ich oft in der Notfallseelsorge erlebt habe“, sagt er. „Da versucht man als erstes, die Menschen um einem Tisch herum zu versammeln, und es war meine Aufgabe, mit ihnen dem Leid standzuhalten.“ Auch die zuletzt erheblich geschrumpfte deutschsprachige evangelische Gemeinde im Heiligen Land muss mit dem Gefühl andauernder Ohnmacht klarkommen. Ihre Mitglieder haben teils israelische oder palästinensische Ehepartner und erleben den Konflikt hautnah auf einer der beiden Seiten.
Brücken zwischen den Menschen in beiden Lagern schlagen
„Von Palästinensern kann ich es kaum erwarten, dass sie großes Verständnis für die Nöte des israelischen Volkes aufbringen. Und umgekehrt von den Israelis auch nicht“, fasst Zobel die aktuelle Gemütslage der Menschen zusammen. „Ich kann es aber hoffen und freue mich auf Begegnungen mit Menschen auf beiden Seiten, die dazu immer noch bereit sind.“ Viele seien mittlerweile zermübt, auch manche, die sich lange für den Frieden engagiert hätten.
Jerusalem wird von Israelis wie Palästinensern beansprucht, gilt Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen als heilig. Die Stadt sei aber mehr als das Zentrum eines scheinbar unentwirrbaren Konflikts, findet der künftige Propst: „Für mich ist Jerusalem auch ein Ort, an dem Lösungen entstehen können. Unsere große Chance liegt darin, dass wir konkret zwischen Menschen Brücken schlagen können.“
Fehlende Besucher reißen Loch in die Kassen
Die Kirche vor Ort steht wegen der anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten mittlerweile ebenfalls vor riesigen Problemen. Nach dem US-amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran und den iranischen Gegenangriffen dürfen mit dem Verweis auf fehlende Schutzräume in der Altstadt von Jerusalem aktuell keine Gottesdienste gefeiert werden.
Auch zuvor waren diese nur noch schwach besucht worden. Wenn früher aufgrund zahlreicher Pilgerreisender 200 bis 300 Menschen in der Erlöserkirche zusammengekommen seien, hätten sich zuletzt sonntags eher 20 dort versammelt, berichtet Zobel. Das sorge auch für finanzielle Nöte in der Gemeinde.
Der hessische Pfarrer hat die Hoffnung auf Frieden im Heiligen Land noch nicht aufgegeben. Er träumt davon, auch wieder deutsche Gäste begrüßen zu dürfen - und mit ihnen die Aussicht von der Terrasse des Propsthauses auf einen der ungewöhnlichsten Orte der Welt zu genießen.