Ein bisschen Bammel haben sie schon davor, wie ihr gebrülltes „Amen!“ zu brachialem Klanggewitter wohl bei den Gläubigen ankommen wird. Eine Stunde lang soll der Heavy-Metal-Gottesdienst am Freitag (15. Mai) auf dem Katholikentag in Würzburg dauern. „Wir haben keine Ahnung, was uns dort erwartet und ob es den Leuten gefällt“, sagt Simone Hingst, Sängerin des Bruchsaler Bandprojekts „Headbangers' Church“. Sie und ihre Bandkollegen aus Nordbaden und der Pfalz bereiten sich an diesem Tag in ihrem Proberaum auf den Auftritt beim Katholikentreffen vor: Es wird ein katholischer Gottesdienst mit Predigt, Gebeten, Fürbitten, Vaterunser, Segnung - und beinharter Livemusik.
Und es wird laut. Bei der Probe wirbelt das Schlagzeug die Luft durch den Raum, der Bass grummelt, die Gitarren schreien in die Ohren. „Metal Gods!“ stößt Sänger Bernd Mader ins Mikrofon: Nach dem Song der britischen Heavy-Metal-Legende „Judas Priest“ hat sich die zehnköpfige Gruppe „Metal GodZ powered by Gelbsucht and friends“ benannt. Sie kam vor zwei Jahren auf Initiative des katholischen Pastoralreferenten Mathias Fuchs zusammen. Die Vision des 48-jährigen Theologen, Heavy-Metal-Fans und Bandmitglieds: den Nachweis zu erbringen, dass harte Klänge und die christliche Botschaft der Liebe gut harmonieren.
Glaube und Metal keine Widersprüche
Heavy Metal und die Kirche: Das schien lange Zeit etwa so gut zusammenzupassen wie der sprichwörtliche Teufel und das Weihwasser. Besonders konservative Christen haben Vorbehalte gegenüber dieser Musikform, lehnen sie als „satanistisch“, gewaltverherrlichend oder einfach nur „provokant“ ab. Die oft schwarze Kleidung und Tattoos tragende Metal-Community hält dagegen. Die selbst ernannten „Headbanger“ seien ganz gewöhnliche Menschen, friedfertig, solidarisch, hilfsbereit und oft auch offen für Spiritualität und Glaube, sagt Fuchs.
Mit dem Segen seines Ortspfarrers („Probiert es aus, es könnte gut werden“) und der finanziellen Unterstützung der katholischen Erzdiözese Freiburg hat Mathias Fuchs bisher dreimal zur „Headbangers' Church“ in eine Kirche im Bruchsaler Stadtteil Obergrombach eingeladen. Und die war jedes Mal proppenvoll. Jeweils rund 400 Besucherinnen und Besucher reisten zu dem bundesweit wohl einzigartigen Gottesdienst teilweise von weither an, erzählt Fuchs. „Es ist schon ein bissel eskaliert.“ Zudem organisierte er Gottesdienste für Motorradfahrer mit „Bike-Segnungen“ sowie in einer Kneipe eine Tätowier-Aktion mit Segnungen: Fuchs selbst ließ sich kurz zuvor als Motiv die „Pommesgabel“ der Metaller mit einem Kreuz in eine Wade stechen.
Harte Musik soll „befreiend“ wirken
„Jeder ist willkommen zu den Gottesdiensten, und es werden immer mehr“, sagt Fuchs, der dafür sein schwarzes „Wacken“-T-Shirt gegen ein weißes Gewand, die „Albe“, eintauscht. Viele Fans von Heavy-Metal-Musik seien für den Glauben ansprechbar, doch wollten sie oft mit einer in ihren Ritualen erstarrten Kirche nichts zu tun haben. Metal-Gottesdienste könnten durch ihre Kraft und Lebendigkeit auch „befreiend“ für eine Kirche wirken, „in der manchmal das Menschliche zu verloren gehen droht“, so sieht Fuchs es. Gerne würde die „Headbangers' Church“ im Sommer auch in einer evangelischen Kirche beim weltgrößten Heavy-Metal-Festival in Wacken in Schleswig-Holstein gastieren. „Wenn das klappen würde, ginge ein großer Traum in Erfüllung“, sagt Fuchs.
Für die „Metal GodZ“, die sich mit Titeln von „AC/DC“ („Let There be Rock“) und „Kiss“ („God Gave Rock and Roll to You“) für ihren Auftritt auf dem Katholikentag fit machen, ist es klar, dass man seinen Glauben auch phonstark ausleben kann. „Wir brauchen Lautstärke“, sagt Gitarrist Harry Weber. Voll und ganz stehen die Musiker hinter der Pioniertat ihres Pastoralreferenten, den Heavy Metal kirchentauglich zu machen. „Es geht um Respekt füreinander und für die Freiheit, zu glauben, wie und was man möchte“, sagt Sänger Bernd Mader. „Und jetzt wollen wir in Würzburg abliefern.“