Langsam hat sich der neue Papst in seinem Amt eingerichtet. Das ist auch nach außen hin sichtbar. Seit Ende Januar strahlt in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern das Mosaikporträt von Leo XIV. neben den Bildnissen seiner Vorgänger. Acht Monate lang waren die Scheinwerfer dort auf einen leeren runden Platz neben dem Porträt des verstorbenen Amtsvorgängers, Papst Franziskus, gerichtet.
Dabei hatte man für den am Ostermontag vergangenen Jahres gestorbenen Pontifex schnell einen Nachfolger gefunden. Vor einem Jahr, am 8. Mai 2025, wurde Robert Francis Prevost vom Konklave in der Sixtinische Kapelle in Rom zum Nachfolger von Papst Franziskus gewählt.
Der gebürtige US-Amerikaner wählte für sich den Namen Leo XIV. und machte damit bereits klar, wo einer der Schwerpunkte seines Pontifikats liegen wird. So galt sein Namensvorgänger, Papst Leo XIII. (1878 bis 1903), als politischer Papst: Er verfasste in der Zeit der Industrialisierung die erste Sozialenzyklika der katholischen Kirche.
„Der Friede sei mit euch allen“
Wie auch der „Arbeiterpapst“ hebt Leo XIV. soziale Themen hervor. Er hat etwa schon mehrfach auf die Gefahren von Künstlicher Intelligenz hingewiesen. Damit führt der 70-Jährige einen thematischen Fokus fort, den Franziskus bereits gelegt hatte. Auch für den Klima- und Umweltschutz setzt er sich wie schon sein Vorgänger leidenschaftlich ein. Am 23. Mai will Leo die Region Acerra besuchen, die wegen illegaler Giftmüllentsorgung und -verbrennung durch die Mafia als „Terra dei Fuochi“ (Landschaft der Feuer) bekannt ist.
Doch nicht erst seit dem Iran-Krieg ist der Begriff „Frieden“ ein Dauerthema in Leos Reden. Schon die ersten Worte, die Prevost als neuer Papst vom Balkon des Petersdoms zu den Menschen sprach, legten dafür den Grundstein: „Der Friede sei mit euch allen“, rief er der Welt zu.
In den vergangenen Wochen wurde der US-Amerikaner bei seinen Friedensappellen im Ton immer schärfer - was nicht allen gefällt. So machte die erste längere Auslandsreise des katholischen Kirchenoberhaupts nach Westafrika nicht etwa Schlagzeilen mit der Botschaft des Evangeliums und dem interreligiösen Dialog. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stand der Schlagabtausch mit US-Präsident Donald Trump, der sich von der Friedensbotschaft des Papstes persönlich angegriffen fühlte. Viele sehen in Papst Leo auch einen mächtigen Gegenspieler des US-Präsidenten.
Der Papst als Diplomat
In dieser indirekt ausgetragenen Auseinandersetzung zeigte sich eine weitere Stärke des Papstes: sein subtiles diplomatisches Geschick. So prangerte Leo bei einem Friedenstreffen in Kamerun zwar eine zerstörerische Macht von „Tyrannen“ an, kritisierte kurz darauf aber, dass Medien diese Aussage in Bezug zu seiner Auseinandersetzung mit Trump gesetzt hatten. Die Rede sei vorbereitet gewesen. Es liege nicht in seinem Interesse, mit dem Präsidenten zu debattieren. Prompt zeigte man sich in Washington gemäßigter.
Nach einem Jahr im Amt wird klar: Dieser neue Papst scheut den Konflikt nicht - er lässt sich auch nicht von Debatten oder Medienberichten treiben. Das zeigt auch seine Reaktion auf die Erlaubnis der Segnung homosexueller Paare einiger deutscher Bischöfe. Der Heilige Stuhl billige keine formalen Segnungsfeiern nicht, stellte Leo XIV. klar, Fragen zur Sexualmoral sollten außerdem nicht über Einheit oder Spaltung der Kirche entscheiden.
Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Religionsfreiheit
„Wir neigen dazu zu glauben, dass, wenn die Kirche von Moral spricht, das einzige moralische Thema die Sexualität ist“, sagte der Papst. Tatsächlich gebe es aus seiner Sicht weitaus größere und wichtigere Themen, „wie Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, die Freiheit von Männern und Frauen sowie Religionsfreiheit“. Diese Themen sollten Vorrang vor „dieser speziellen Frage“ haben.
Nach einem Jahr ist der neue Papst nun nicht nur als Mosaik in Sankt Paul vor den Mauern sichtbar. Leo ist im Rampenlicht seines Amtes angekommen. Und auch das Licht im Apostolischen Palast brennt seit ein paar Wochen wieder: Der 70-Jährige konnte nach Monaten intensiver Renovierungs- und Sanierungsarbeiten endlich die repräsentative päpstliche Wohnung in Besitz nehmen.
Franziskus hatte auf den traditionellen Wohnsitz der Päpste verzichtet und während seines zwölfjährigen Pontifikats im vatikanischen Gästehaus Santa Marta gewohnt. Wenn sie sich auch thematisch ähnlich sind, macht Papst Leo doch einiges anders als sein Vorgänger.