Zwischen Glauben und Diskriminierung - Indische Muslime unter Druck
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Darul-Uloom-Leiter Arshad Madani in Deoband
Neu-Delhi (epd).

Der Gebetsruf hallt über Deoband, eine unscheinbare Kleinstadt im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Bekannt ist der Ort wegen der 1866 gegründeten islamischen Hochschule Darul Uloom. Von hier ging die sogenannte Deobandi-Bewegung aus, eine streng sunnitisch-orthodoxe Strömung, deren theologischer Einfluss weit über Indien hinausreicht - bis nach Pakistan, Bangladesch und Afghanistan.

So machte der Außenminister der afghanischen Taliban-Regierung, Amir Khan Muttaqi, bei seinem ersten offiziellen Indien-Besuch im Oktober auch in Deoband Station. Dass er beinahe euphorisch empfangen wurde, sorgte auch für Beunruhigung. Denn in einem für religiöse Minderheiten immer feindlicher werdenden Klima haben sich auch Gruppen indischer Muslime radikalisiert.

Besuch in historischem Kontext

Doch der Darul-Uloom-Leiter Arshad Madani weist politische Motive für den Besuch zurück. Die Verbindung zu Afghanistan sei historisch, nicht idologisch, sagt der 84-jährige einflussreiche islamische Gelehrte. Deobandi-Angehörige hätten im Unabhängigkeitskampf gegen die britische Kolonialmacht eine wichtige Rolle gespielt. „Einige von ihnen haben in Afghanistan eine Exilregierung gegen die Briten gegründet.“ In diesem historischen Kontext sei Muttaqis Besuch zu sehen.

Dass Madani sich eine intensivere Zusammenarbeit mit den Taliban etwa durch die Ausbildung junger Afghanen vorstellen kann und nichts gegen den systematischen Ausschluss von Mädchen aus dem afghanischen Bildungssystem hat, stößt auch unter indischen Muslimen auf Widerspruch.

Der Politikwissenschaftler Mujibur Rehman von der Jamia Islamia Universität in der Hauptstadt Neu-Delhi warnt vor einer Verharmlosung der Taliban-Ideologie. Diese sei frauenfeindlich, gewalttätig und mit grundlegenden Werten wie Gleichheit, Menschenrechten und Modernität unvereinbar. „Indien sollte die Taliban dazu ermutigen, ihre Weltsicht zu überdenken.“

Anschlag alarmiert Öffentlichkeit

Wie real die Sorge vor Gewalt durch islamistische Extremisten ist, zeigte sich nur wenige Wochen nach Muttaqis Besuch in der Hauptstadt Delhi. Ein muslimischer Selbstmordattentäter riss bei einer Autobombenexplosion 14 Menschen in den Tod. Der Täter war Arzt, drei mutmaßliche Komplizen wurden festgenommen. Anweisungen für das Attentat sollen aus Pakistan und der Türkei gekommen sein.

Die Tat alarmierte Politik und Öffentlichkeit - und setzte die muslimische Minderheit erneut unter Generalverdacht. Etwa 205 Millionen Inderinnen und Inder sind Muslime, rund 14 Prozent der Bevölkerung.

Rehman warnt jedoch vor Pauschalisierungen. Extremismus sei kein Massenphänomen unter indischen Muslimen, sondern beschränke sich auf kleine Randgruppen. Die Mehrheit sei weiterhin geprägt von der mystischen Sufi-Tradition, die in Indien historisch großen Einfluss hatte und für religiöse Toleranz, Frieden und das Zusammenleben von Hindus und Muslimen stehe.

Politische Debatten diskriminieren Muslime

Dennoch richtet sich das gesellschaftliche Klima im überwiegend hinduistischen Indien immer stärker gegen religiöse Minderheiten, besonders seit dem Machtantritt der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) von Premierminister Narendra Modi 2014. Muslime werden aufgrund historischer Traumata, durch soziale Ungleichheit und fehlende politische Teilhabe stark diskriminiert.

Und der Druck wächst: Die Diskussion über Einwanderung aus dem muslimisch geprägten Nachbarland Bangladesch etwa hat zu einer Gleichsetzung von Muslimen mit irregulärer Migration geführt und verstärkt das Narrativ, dass Muslime nicht nach Indien gehören. Ähnliches gilt für die Debatte, wem die indische Staatsangehörigkeit zusteht. Immer wieder können insbesondere prekär lebende Muslime nicht die nötigen Dokumente vorweisen und laufen Gefahr, des Landes verwiesen zu werden.

Friedliches Zusammenleben über Jahrhunderte

Misstrauen und gegenseitige Verdächtigungen nähmen zu und belasteten das gesellschaftliche Klima, sagt der Politologe Rehman. Dennoch habe die muslimische Minderheit den Glauben an die indische Demokratie nicht verloren. Nicht jeder BJP-Wähler befürworte eine rein hinduistische Nation.

Auch der islamische Gelehrte Madani kritisiert religiöse Gewalt, weil sie den sozialen Zusammenhalt zerstöre. Ob Hindus, Muslime, Christen oder Juden, alle seien Brüder. Hindus und Muslime hätten über Jahrhunderte friedlich zusammengelebt. Wer sich radikalisiere und Terror ausübe, liege falsch. Fraglich ist, ob solche Appelle ausreichen gegen die zunehmenden Feindseligkeiten.

Von Antje Stiebitz (epd)