M23-Rebellen im Ostkongo - "Sie verprügeln dich wie ein Tier"
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Straßenszene in Goma (Januar 2026)
Kinshasa (epd).

„Wir leben noch dank der Gnade Gottes“, sagt Esther Ilunga. Goma liege wirtschaftlich am Boden, seit die ostkongolesische Millionenstadt unter der Kontrolle der M23-Miliz („Mouvement du 23 Mars“) stehe. Vor einem Jahr eroberte sie die Hauptstadt der Provinz Nord Kivu - nach Straßenkämpfen mit Tausenden Toten. „Es war furchtbar. Überall lagen Leichen“, erinnert sich Ilunga.

Die studierte Kommunikationsexpertin hat wie viele Leute in Goma ihren Job verloren. Sie backt jetzt Waffeln und verkauft sie am Straßenrand. Mit etwas Glück bringt sie abends umgerechnet 4,50 Euro nach Hause. Damit muss sie ihre drei Kinder durchbringen.

Kritik unerwünscht

Ilunga heißt in Wirklichkeit anders, wie alle, die hier zu Wort kommen. „Die Rebellen mögen keine Kritik. Es kann dich das Leben kosten, wenn du die Wahrheit sagst“, berichtet Ilunga. Die M23 kontrolliere alles. In jeder Straße gebe es einen Aufseher, bei dem sich alle Anwohner registrieren müssen. Die M23 hat eine eigene Regierung, Verwaltung und Justiz installiert. Alle wichtigen Posten sind mit Leuten besetzt, die ihre Ideologie teilen. Zweieinhalb Wochen nach dem Einmarsch in Goma Ende Januar 2025 nahm die Miliz Bukavu ein, die zweitwichtigste Handelsstadt im Ostkongo. Die Rebellen besetzen weite Teile der rohstoffreichen Provinzen Nord Kivu und Süd Kivu. Sie werden vom Nachbarland Ruanda mit Soldaten und Waffen unterstützt.

Hilfsorganisationen und Firmen kappen Projekte und entlassen massenhaft Mitarbeiter. Flughäfen und Banken sind geschlossen, die Geldautomaten sind leer. Investoren und ausländische Helfer wollen nicht mit den Rebellen kooperieren. Denn ihre Chefs stehen unter internationalen Sanktionen.

Streit um Land und Ressourcen

„Niemand hat mehr Geld“, klagt Ilunga. Die Miete könne sie schon seit einem halben Jahr nicht mehr bezahlen. „Bald werden wir rausgeschmissen. Wohin sollen wir dann gehen?“ Die Not der Menschen sei größer als in all den Kriegen zuvor. Der Konflikt im Ostkongo reicht bis in die belgische Kolonialzeit zurück. Umsiedlungen, Streit um Land, Ressourcen und Macht sowie ethnische Auseinandersetzungen lösen immer wieder Kämpfe aus.

2021 griff die M23 erneut zu den Waffen. Die Afrikanische Union, Angola, die USA und Katar versuchen zu schlichten. Unter dem Druck der Trump-Administration schlossen Ruanda und der Kongo im Dezember einen Vertrag über Frieden und ökonomische Zusammenarbeit. Aber jeden Tag kämpfen die Kriegsparteien weiter, Waffenstillstand hin oder her.

Hunderttausende Menschen vertrieben

„Washington will doch nur unsere Rohstoffe“, schimpft Michel Kasonga, Chef einer Organisation, die sich für Demokratie einsetzt. „Der Bevölkerung nutzen die Verträge nichts“, sagt er. Derzeit erarbeite das kongolesische Minenministerium eine Liste von Projekten, die Kinshasa mit den USA angehen will. Doch dabei gehe es „nur um ökonomische Interessen“, kritisiert Kasonga.

Die Kämpfe um Goma haben laut den Vereinten Nationen Hunderttausende Menschen vertrieben. Mehr als eine Million Menschen seien auf Hilfe angewiesen. Auch die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ schlägt Alarm. Die sexuelle Gewalt steige sprunghaft an, während gleichzeitig die gesundheitliche Versorgung aufgrund von Budgetkürzungen nicht mehr gewährleistet sei.

Hinrichtungen und Folter

Analysten, die im Auftrag des UN-Sicherheitsrats die Lage im Kongo verfolgen, werfen sowohl der M23 als auch der kongolesischen Armee und den zahlreichen Milizen, die mit den Soldaten kämpfen, Hinrichtungen, Vergewaltigung und Folter vor. Sie nennen allerdings die M23 in ihrem jüngsten Bericht als Haupttäterin. Die Rebellen seien für ein Drittel aller Verbrechen verantwortlich. Die M23 bestreitet das und zweifelt die Quellen der Experten an. Die Milizenchefs kritisieren die Korruption und die Willkür der Regierung in Kinshasa. Sie wollen sie stürzen und versprechen, dass sie den Menschen Frieden und Sicherheit bringen.

„Es gibt jetzt weniger Morde und Raubüberfälle“, sagt Mustafa Amisi, der in Goma ein Motorradtaxi fährt. Der Verkehr verlaufe ordentlicher, und die Stadt sei sauber, dank des sogenannten Salongo. Zu diesem Putzdienst auf öffentlichen Straßen müssen die Bürger jeden Samstag von acht Uhr bis elf Uhr antreten. Während des Salongo darf niemand etwas anderes arbeiten. „Wenn sie dich erwischen, verprügeln sie dich wie ein Tier“, erzählt Amisi. Auch die Diebe seien nur verschwunden, weil „sie auf der Stelle jeden erschießen, den sie für einen Banditen halten.“

Die alleinerziehende Mutter Ilunga bangt deshalb vor allem um ihre Söhne. Immer wieder würden junge Männer verschwinden. Wahrscheinlich seien sie tot oder an die Front gebracht worden. „Ich lebe in ständiger Angst“, sagt sie.

Von Constantin Leclerc (epd)