Ärztin möchte sie später werden oder Rechtsanwältin. Vielleicht auch Architektin. Oder lieber Pilotin? Die 14-jährige Kenianerin Nawi hat so viele Träume, dass sie sich nicht zwischen ihnen entscheiden kann. Als sie am Ende der Grundschulzeit das beste Prüfungsergebnis der gesamten Turkana-Region im Nordwesten Kenias erzielt, scheint ihr der Weg auf die Highschool in der Hauptstadt Nairobi offenzustehen.
So beginnt der Kinofilm „Nawi - Dear future me“, bei dem die bayerischen Brüder Toby und Kevin Schmutzler gemeinsam mit den Kenianerinnen Apuu Mourine Munyes und Vallentine Chelluget Regie geführt haben. In beeindruckenden Bildern erzählt er die Geschichte des Nomadenmädchens Nawi. Der Film hat mehr als 20 internationale Preise gewonnen und war 2025 der kenianische Kandidat für den Auslands-Oscar. Am 5. März startet er in deutschen Kinos.
Jäher Absturz aus ihren Lebensträumen
Doch auch wenn der Film so hoffnungsvoll beginnt - der jähe Absturz aus ihren Träumen beginnt für Nawi noch an dem Tag, an dem sie die Ergebnisse ihrer Abschlussprüfung erfährt. Zu Hause eröffnet ihr der Vater, dass er sie an einen deutlich älteren Mann verheiraten wird. Im Gegenzug soll er einen Brautpreis von acht Kamelen, 60 Schafen und 100 Ziegen erhalten.
„Das Thema kennen alle, die hier arbeiten, sehr gut“, erzählt Prinz Ludwig von Bayern, der den Film mitproduziert hat, beim Besuch des Evangelischen Pressedienstes (epd) im November 2025 in Kenia. Der 43-Jährige engagiert sich seit mehr als zehn Jahren mit Hilfsprojekten in dem afrikanischen Land und hat in der Turkana-Region mehrere Schulen gebaut. Oft seien die Mädchen um die 14 Jahre alt, wenn sie verheiratet würden, „wir hatten aber auch schon Fälle von neunjährigen Mädchen“, berichtet er. Deren bisheriges Leben habe ein abruptes Ende, sie gerieten in ein „sklavenartiges Dasein“. Im Abspann des Films heißt es, jedes vierte Mädchen in der Turkana-Region sei bei seiner Hochzeit noch minderjährig.
Unicef: Jedes Jahr zwölf Millionen Kinderehen weltweit
Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass weltweit jedes Jahr etwa zwölf Millionen Mädchen in einem Alter unter 18 Jahren verheiratet werden. Sie hätten ein erhöhtes Risiko, Opfer häuslicher Gewalt zu werden, ihr mentales und körperliches Wohlbefinden sei stark gefährdet.
Die Geschichte zum Film über „Nawi“ stammt von der kenianischen Autorin Milcah Cherotich, die damit einen Wettbewerb gewann, den Ludwig von Bayern in der Region veranstaltet hatte. Er hatte schon länger die Idee, vor Ort einen Film zu drehen, wie er sagt. Der Film sollte auch ein Ausbildungsprojekt sein.
Die Rolle der Nawi wird von der heute 16-jährigen Michelle Lemuya Ikeny gespielt, die aus der Region stammt. Michelle kennt das Thema Kinderehe: Als sie während der Corona-Pandemie in einem Nomadendorf am Ufer des Turkana-Sees bei ihren Großeltern lebte, habe sie mitbekommen, wie immer wieder Mädchen plötzlich verschwanden, erzählt sie dem epd. In den traditionellen Dörfern, die aus wenigen einfachen Hütten aus Ästen und Schilfgras bestehen, bestimme der Vater, welche Kinder zur Schule gehen dürften und welche auf die Ziegen und Kühe aufpassten.
Wenn die Mädchen verheiratet würden, erhielten ihre Familien einen Brautpreis, der aus vielen Tieren bestehe, erzählt Michelle. Diese Brautpreiszahlungen gehören zur Tradition der Nomaden in der turkanischen Halbwüste, die auf ihr Vieh angewiesen sind und deren traditionelle Lebensweise durch immer längere Dürreperioden bedroht ist.
Eine Stimme für Mädchen
„Ich finde es wichtig, dass die Mädchen überhaupt erst einmal wissen, dass es andere Möglichkeiten für sie gibt, als nur Ehefrau und Mutter zu sein - und eine Stimme bekommen, um selbst für sich und ihr Leben zu sprechen“, sagt Michelle. Der Film gebe ihnen diese Stimme und mache im ganzen Land auf das Problem der Zwangsverheiratung aufmerksam. Nachdem er in Kenia im Kino gelaufen sei, habe es viel positives Feedback gegeben.
Das Wichtigste, um die Situation zu verbessern, sei Bildung für die Mädchen, sagt Ludwig von Bayern. Auf dem Bildungscampus der „Learning Lions“ - einer 2015 von ihm gegründeten Organisation, die jungen Erwachsenen IT- und Medienkompetenzen vermitteln will - ist vor zwei Jahren auch eine Highschool nur für Mädchen aus den umliegenden Nomadendörfern eröffnet worden. Dank Stipendien ist der Schulbesuch für sie kostenlos.
Aber es müsse auch nach der Schule echte Chancen für die Mädchen geben, also Ausbildungsplätze und Jobs, für die sie weder die Region verlassen noch die Bänder zu ihrer Familie und ihrer kulturellen Gemeinschaft abschneiden müssten -, durch die sie aber ein selbstbestimmtes Leben nach ihrem eigenen Willen führen könnten. Eine Möglichkeit dafür seien digitale Jobs, für die auf dem Campus der „Learning Lions“ Ausbildungen angeboten werden.
Hilfsprojekte gegen Zwangsverheiratung
„Wir möchten die Mädchen hier vor Ort nicht nur kurzfristig, sondern wirklich für lange Zeit unterstützen“, betont Ludwig von Bayern. Durch den Film „Nawi“ habe sich ein internationales Unterstützer-Netzwerk gebildet, das viele Projekte gegen Zwangsverheiratung und für Bildung und Ausbildung von Mädchen und Frauen in Kenia und weltweit zusammenführe. Von deutscher Seite ist unter anderem das katholische Missionswerk missio aus München beteiligt.
Für die Hauptdarstellerin Michelle hat der Film bereits viel verändert: Mit dem verdienten Geld zahlt sie die Schulgebühren für eine weiterführende Schule in Nairobi, wo sie nun lebt. Nach der Schule will sie studieren - vielleicht Jura, Medizin oder Informatik - und gerne in Teilzeit weiter schauspielern. Und irgendwann zurückkommen in ihre Heimat Turkana.
Träume von Millionen Mädchen
Und die 14-jährige „Nawi“ im Film? Auch wenn sie es nicht schafft, ihre Träume zu verwirklichen, bereitet sie zumindest die Grundlage dafür für ihre jüngere Schwester. „Ich habe mich immer gefragt, was mein Traum ist“, sagt diese am Ende des Films. „Jetzt weiß ich es: Es geht nicht nur um mich. Sondern um Millionen Träume von Millionen Mädchen wie ich, mit Millionen Zukünften vor sich.“ Die jüngere Schwester trägt den Namen „Hope“ - Hoffnung.