Immer nur im Zimmer hocken, fernsehen, lesen oder im Computer surfen. Für Inge Hafner aus Neuhausen auf den Fildern kam das nie infrage. Als sie im Jahr 2012 in die passive Phase ihrer Altersteilzeit wechselte, beschloss sie, sich zu engagieren. Eines war ihr dabei wichtig: Sie wollte sich selbstbestimmt einbringen. „Ich bot unserem Landrat an, drei Jahre lang unbezahlt als Volunteer-Beauftragte tätig zu werden“, erzählt die 74-Jährige. Und so geschah es.
Starre Regeln und strenge Vorgaben, an bestimmten Tagen und zu vorgegebenen Zeiten für eine bestimmte Aufgabe da zu sein, etwa im Pflegeheim, stoßen viele engagementbereite Seniorinnen und Senioren ab. Inge Hafner versteht das. Während der 32 Jahre, in denen sie als Altenhilfeplanerin tätig war, trieb auch sie stets die Frage um, wie Engagement für Senioren attraktiver werden kann. Wobei sie anmerkt, der Begriff „Ehrenamt“ tauge nicht mehr. „Wir suchten nach einer neuen Begrifflichkeit“, so die Sozialwissenschaftlerin. Heute verwendet sie konsequent den Ausdruck „Volunteer“ - den englischen und noch eher unüblichen Begriff für einen Freiwilligen.
Bloß nicht „der Dumme für die anderen“ sein
Den unter ihrer Leitung in einer „Denkwerkstatt“ ausgearbeiteten „Volunteer-Grundsätzen“ für den Kreis Esslingen zufolge gilt: Ein Volunteer darf nie „der Dumme für die anderen“ sein. Auch sollen die Freiwilligen nicht als kostenlose Hilfskräfte Lücken füllen. Heute verbreitet Hafner diesen Ansatz auch als Vorstandsmitglied der Kölner Stiftung „Pro Alter - für Selbstbestimmung und Lebensqualität“. Egal, ob Grüne Damen im Krankenhaus oder Dienst in einem Museum: Hauptsache, so Hafner, die Senioren und Seniorinnen bringen ihr reiches Potenzial und ihre Erfahrungen gesellschaftlich ein. Ihr Hauptanliegen im Moment: Menschen im Alter von über 80 Jahren für freiwilliges Engagement zu gewinnen. Das deckt sich mit den Zielen der Stiftung „ProAlter“.
Laut dem „Freiwilligensurvey 2019“ des Bundesfamilienministeriums engagieren sich über 20 Prozent der Männer und mehr als zehn Prozent aller Frauen über 80 in den Feldern Kultur und Musik, Soziales, Kirche und Religion sowie Freizeit und Geselligkeit. Um dieses Engagement sichtbar zu machen, verleiht „ProAlter“ seit 2022 den „Engagement-Preis 80plus“, dieses Jahr am 7. Dezember in Köln.
Seniorenbesuchsdienst „Klingelzeichen“
„Viele Seniorinnen und Senioren möchten ihr Wissen, ihre Zeit und ihre Lebenserfahrungen einbringen“, sagt Christine Sattler, Geschäftsführerin der Freiwilligen-Agentur Halle. Sie kennt etliche aktive Über-80-Jährige, die sich in Patenschafts- und Besuchsangeboten einsetzen. Besonders erfolgreich läuft in Halle der Seniorenbesuchsdienst „Klingelzeichen“. 2010 wurde er von sogenannten Seniortrainern angestoßen.
Das Modellprogramm „Seniortrainer - Erfahrungswissen für Initiativen“ (EFI) startete 2002. Die Corona-Pandemie stoppte das Programm dann aber fast überall. Doch niemand ist nach dem Ausstieg aus dem Beruf zum Nichtstun verdammt: Davon sind die Akteure des Hallenser Projekts „Erfahrungsschätze“ überzeugt. Hier lebt der Geist des Modellprogramms „Seniortrainer“ fort. Ein Teilprojekt findet direkt in Unternehmen der Region statt. Die Senioren der „Erfahrungsschätze“ bieten Workshops für Ruheständler in spe an, damit sie rechtzeitig Ideen für ein sinnstiftendes Engagement entwickeln können.
„Kein Helfersyndrom“
Christa Jordan aus dem bayerischen Landsberg am Lech ist auch mit 85 Jahren noch sehr aktiv. Sie engagiert sie sich seit mindestens drei Jahrzehnten. „Aber nicht, weil ich ein Helfersyndrom hätte“, erzählt die ausgebildete Kommunikationstrainerin, sondern weil es ihr Spaß macht: „Im Ehrenamt passiert was, man kann etwas bewirken.“ Sie erhielt 2024 den Engagement-Preis 80plus„ und sagt, sie würde jedes Ehrenamt ablehnen, das nach “Lückenbüßer" riecht.
Landsberg gehört zu den wenigen Städten in Deutschland, in denen bis heute Seniortrainer ausgebildet werden. Das geschieht im Mehrgenerationenhaus der Arbeiterwohlfahrt (AWO), wo sich Jordan engagiert. Zu ihren Hauptaufgaben gehört es, ausgebildete Seniortrainer bei der Gründung von neuen Initiativen zu beraten. Vor über 15 Jahren begann in Landsberg die Ausbildung. Rund 170 Seniortrainer, von denen bis heute etwa 150 aktiv sind, begleitet Jordan. Einige von ihnen bieten Rikscha-Fahrten für Pflegeheimbewohner an. Andere organisieren ein „Digitalcafé“. „Ich schätze, 30 von ihnen sind über 80 Jahre alt.“