Nordrhein-Westfalen will mit Hilfe eines neuen Kita-Sozialindex Fördermittel für Kindertageseinrichtungen künftig zielgerichteter verteilen. Das bevölkerungsreichste Bundesland sei damit als Flächenland Vorreiter in Deutschland, sagte Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) in Düsseldorf. Soziale Benachteiligung sichtbar zu machen, reiche nicht aus, kritisierten die Gewerkschaften GEW und ver.di. Um Bildungschancen zu verbessern, brauche es mehr Personal.
Der Index zeigt den Angaben zufolge für jede der landesweit 10.800 Kitas, die in der Summe rund 742.000 Kinder betreuen, den jeweiligen Anteil von Kindern mit besonders hohem Unterstützungsbedarf an. Er wurde aus zwei Faktoren ermittelt: der Kinderarmutsdichte in der Umgebung der jeweiligen Kita sowie aus dem Anteil der Kinder mit nichtdeutscher Familiensprache. Den Index mit einer Skala von eins bis neun haben Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum entwickelt.
Mehr als 1.300 Kitas mit hohem Unterstützungsbedarf
Landesweit gehören laut Index 1.343 Kitas, das entspricht 13 Prozent, den Indexstufen sieben bis neun an und haben damit einen hohen Anteil von Kindern mit Unterstützungsbedarf. Niedrige Werte der Stufen eins bis drei wurden für 6.380 Kitas und damit 60 Prozent ermittelt. Dabei gibt es ein starkes Stadt-Land-Gefälle: Kitas der höchsten Stufe neun finden sich nur in Großstädten, nicht aber in ländlichen und kleinstädtischen Regionen.
Kommunen könnten mit Hilfe des Index Entscheidungen über die Mittelverteilung beispielsweise für die Sprachförderung präziser treffen, so die Ministerin. Das Land selbst will auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse ab dem kommenden Kita-Jahr 2027 so genannte Chancen-Kitas mit einem hohen Anteil von Kindern mit Unterstützungsbedarf benennen. Sie sollen dann einen Förderbetrag von 60.000 Euro je Kita erhalten und zudem durch Kita-Sozialarbeit unterstützt werden.
Zusätzliches Geld für 190 „Chancen-Kitas“
Für die Chancen-Kitas, von denen es rund 190 geben soll, will das Land NRW nach Angaben Schäffers insgesamt rund neun Millionen Euro bereitstellen. In einer Zeit, wo soziale Herkunft stärker als zuvor über den Bildungserfolg entscheide, seien Kitas wichtige Bildungsorte: „Wir brauchen bessere Startchancen für Kinder.“
Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di NRW sieht in dem neuen Kita-Index zwar die Chance für mehr Chancengerechtigkeit, doch würden die strukturellen Probleme in den Einrichtungen damit nicht gelöst: "Gute frühkindliche Bildung braucht eine bessere Fachkraft-Kind-Relation und damit mehr Zeit für jedes einzelne Kind”, mahnte die ver.di-Landeschefin Anke Unger. Zudem dürfe der Sozialindex nicht zu einer Stigmatisierung von Einrichtungen, Kindern, Familien oder ganzen Stadtteilen führen.
GEW: Sozialindex allein verbessert keine Bildungschancen
Die GEW-Landesvorsitzende Ayla Celik begrüßte es, dass Kitas, in denen besonders viele Kinder unter erschwerten sozialen Bedingungen aufwachsen, gezielt unterstützt werden sollten. „Aber ein Sozialindex allein verbessert noch keine Bildungschancen. Entscheidend ist, ob daraus tatsächlich mehr qualifiziertes Personal, mehr Zeit für individuelle Förderung und bessere Arbeitsbedingungen entstehen.“ Celik warnte zudem davor, den Kita-Sozialindex lediglich zur Umverteilung ohnehin knapper Ressourcen zu nutzen.
Die SPD-Fraktion im Landtag kritisierte, dass nur 190 Kitas zusätzlich gefördert werden: „Für viele Kinder bleibt die neue Unterstützung damit außer Reichweite. Nach dem vorgesehenen Verteilschlüssel drohen sogar ganze Jugendamtsbezirke leer auszugehen“, warnte ihr familienpolitischer Sprecher, Dennis Maelzer.