Facharzt: Gaming-Sucht ist sehr komplexes Phänomen
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Facharzt: Gaming-Sucht betrifft nur kleine Gruppe
Bochum (epd).

Ein Videospiel macht laut Facharzt Georgios Paslakis nicht für sich genommen süchtig. „Süchtig macht die Passung zwischen einer bestimmten Person in einer bestimmten Lebenssituation und einer bestimmten Spielarchitektur“, sagte der Ärztliche Direktor der LWL-Universitätsklinik Bochum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Kritisch sei es, wenn jemand anfange zu spielen, weil es ohne das Spiel nicht auszuhalten ist.

epd: Wie entsteht eine Gaming-Sucht?

Georgios Paslakis: Das ist ein sehr komplexes Phänomen. Kein Spiel macht für sich genommen süchtig. Süchtig macht die Passung zwischen einer bestimmten Person in einer bestimmten Lebenssituation und einer bestimmten Spielarchitektur. Manche Spiele sind allerdings so gebaut, dass diese Passung wahrscheinlicher wird. Riskant ist alles, was per Design nie endet: kein Abspann, tägliche Anmeldeprämien, Ranglisten, Belohnungen mit Zufallscharakter wie Lootboxen. Ein Spiel mit Abspann ist harmloser als ein Spiel ohne Abspann. Was dabei im Gehirn passiert, gilt für jede Art von Verhaltenssucht. Entscheidend ist nicht die Belohnung selbst, sondern ihre Unvorhersehbarkeit. Das Gehirn reagiert nicht auf den Gewinn am stärksten, sondern auf die Differenz zwischen erwartetem Gewinn und tatsächlichem Gewinn. Das ist dasselbe Prinzip wie bei einem Spielautomaten. In Spielen ist das kein Zufall, sondern einkalkuliert.

epd: Was sind erste Anzeichen für eine Sucht?

Paslakis: Die Sucht beginnt nicht, wenn jemand viel spielt, sondern wenn sich die Motivation umkehrt. Menschen, die aus Freude spielen, sind in aller Regel unauffällig. Kritisch wird es, wenn Menschen anfangen zu spielen, weil es ohne das Spiel nicht auszuhalten ist. Dann ist es kein Hobby mehr. Zu den Anzeichen gehören etwa Kontrollverlust über den Beginn, die Dauer und das Beenden des Spielens, die Priorisierung des Spielens vor anderen Lebensinteressen und das Fortsetzen des Spielens trotz negativer Folgen in vielen Lebensbereichen wie Schule, Beruf oder Beziehungen. Man merkt die Sucht an dem, was verschwindet: der Sportverein, der vorher wichtig war, die Freundinnen und Freunde, die nicht mitspielen, der Schlaf, weil nachts gespielt wird.

Männer und männliche Jugendliche überrepräsentiert

Männer und männliche Jugendliche sind unter den Betroffenen deutlich überrepräsentiert. Das gängige Bild lautet „Frauen shoppen und Männer zocken“. Historisch sind unsere Messinstrumente aber am männlichen Spielverhalten geeicht worden. Deswegen ist es gut möglich, dass wir Frauen nicht seltener finden, sondern schlechter suchen. Problematisches Spielen von Frauen zeigt sich möglicherweise in anderen Formaten, etwa in mobilen Spielen oder in sozialen Netzwerken, und fällt dort durch unser Raster. Zurzeit untersuchen wir am LWL-Universitätsklinikum Bochum in der „GRAVe-Studie“ die Rolle des Geschlechts bei suchtartigen Verhaltensweisen, um Prävention künftig passgenauer zu machen.

epd: Was kann man zunächst selbst gegen die Sucht machen?

Paslakis: Es ist mir wichtig, zu betonen, dass eine Verhaltensänderung keine Frage des Charakters, sondern der Umgebung ist. Konkret heißt das: Reize entfernen. Ladestationen sollten nicht im Schlafzimmer sein und Geräte damit nicht in ständiger Griffweite. Benachrichtigungen sollten ausgemacht werden. Diese Einzelmaßnahmen klingen zwar banal, aber sie sind wirksam. Es ist schwerer, jeden Tag Willenskraft aufzubringen, als einmal den Reiz zu entfernen. Man sollte auch das Geld vom Spiel trennen: Zahlungsdaten löschen und automatische Abbuchungen verhindern, damit man nicht in eine Schuldenfalle kommt.

Und besonders wichtig ist es, die Lücke zu füllen, bevor man die Lücke reißt. Das ist ein Grundprinzip jeder Suchttherapie. Kaum jemand gibt etwas auf, ohne dafür einen Ersatz zu haben. Wie kann ich ohne Gaming Erfolgserlebnisse haben oder mich zugehörig fühlen? Für Eltern gilt zusätzlich: Verbote allein erzeugen vor allem Machtkämpfe. Geeigneter sind gemeinsam ausgehandelte Zeiten und ein abgesprochenes Ende, das nicht mitten in einer laufenden Spielrunde liegt.

Keine zwölf Monate abwarten, um Hilfe zu holen

Für Minderjährige sind die Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie die Erziehungsberatungsstellen die richtige Adresse -dort wird die Familie von Anfang an einbezogen. Bei schweren Begleiterkrankungen kann eine teilstationäre oder stationäre Behandlung nötig sein. Ein Medikament gegen Gaming gibt es nicht. Medikamente können aber sinnvoll sein, wenn eine Begleiterkrankung wie ADHS oder eine Depression behandelt werden muss.

Suchtstoff kann nicht völlig entfernt werden

epd-Gespräch: Marc Patzwald