Die Welt der Mutter von zwei Kindern ist zerbrochen. Wohnung weg, Job verloren. Nun lebt sie als arbeitslose Sozialhilfeempfängerin mit den beiden Kindern in einem Kölner Notunterkunftshotel in einem einzigen Raum. Ein Fall von vielen, um den sich die Frauenfachberatung der Wohnhilfen Köln bei der Diakonie Michaelshoven kümmert.
Beraterin Julia Pürling sitzen täglich Mütter gegenüber, denen Wohnungsverlust droht. Oder die ihre Wohnung schon verloren haben. „Wohnungslosigkeit unter Familien nimmt zu“, sagt sie. Die Alleinerziehende aus der Notunterkunft sieht sie als schockierendes Beispiel eines blitzartigen Abstieges.
Bis Januar hatte die Frau ihr Auskommen als Pflegerin im Schichtdienst, berichtet Pürling. Dann kündigte ihr der Vermieter. Eine neue, bezahlbare Bleibe fand sich nicht. In der Notunterkunft für Wohnungslose zu leben, strapaziere, berichtet Pürling. Häufig lägen die Nerven blank. Die Lebensumstände in der Notunterkunft seien verheerend. Oft schlief die Frau schlecht. Das wirkte sich auf den Beruf aus: Sie verlor den Job.
Deutlich mehr Betroffene in den vergangenen Jahren
Die Zahl der Familien, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder wohnungslos wurden, ist in letzter Zeit deutlich gestiegen. 2024 waren etwa 264.000 Kinder und Jugendliche wohnungslos, teilt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) mit. Damit war jeder vierte Wohnungslose in Deutschland minderjährig. Die Dunkelziffer ist der BAG W zufolge hoch. Gerade Familien sind häufig verdeckt wohnungslos.
Ende Januar 2026 waren bundesweit rund 452.900 wohnungslose Menschen von den Behörden untergebracht, berichtet Stephanie Ferlings, Mitglied im Vorstand der BAG W und der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Etwa jede zweite untergebrachte Person lebte in einem Haushalt mit Kindern.
Talfahrt endet meist in Gemeinschaftsunterkünften
„Unter anderem aus Angst vor einer möglichen Inobhutnahme ihrer Kinder kommen viele Familien im Wohnungsnotfall bei Verwandten oder Bekannten unter“, erläutert BAG W-Pressesprecherin Lena Maria Milz. Melden sich Familien, die nach dem Verlust ihrer bisherigen vier Wände keine bezahlbare Wohnung gefunden haben, bei der Kommune, werden sie ordnungsrechtlich untergebracht - etwa in Gemeinschaftsunterkünften. Das bedeutet: keine eigene Küche, keine eigene Dusche und keine eigene Toilette. Und Kindern fehlt ein ruhiger Raum etwa für die Hausaufgaben.
Auch Susanne Deininger von der Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit der Diakonie Neu-Ulm kennt viele Familien, die inständig auf eine neue Wohnung hoffen. Vielen droht die Zwangsräumung aufgrund von Mietschulden. Immer häufiger katapultieren Eigenbedarfskündigungen Familien aus dem Landkreis Neu-Ulm in die Wohnungslosigkeit.
Es gibt zu wenig günstige Wohnungen
Die Sozialwirtin sagt, dass es dieser Tage für Familien wenig selbstverständlich ist, eine Wohnung zu haben. Das Jobcenter zahlt Mieten nur in bestimmter Höhe. Ist die Wohnung zu teuer, muss der Rest selbst aufgebracht werden. Die Folge: Monat für Monat laufen Mietschulden auf, die zur Kündigung, womöglich Zwangsräumung, führen. Oft bleibt nur ein halbes Jahr, um sich eine neue Bleibe zu suchen. Doch bezahlbarer Wohnraum ist überall Mangelware: „Auf eine Wohnung kommen bei uns im Landkreis über hundert Interessenten“, so Deininger.
Die Problematik „Wohnungslosigkeit“ geht weit über den Kummer des Wohnungsverlusts hinaus, weiß auch Elisabeth Freiding, die als Mitarbeiterin der Fachberatungsstelle für Wohnungsnotfälle „Straubinger Brücke“ Familien in Notunterkünften betreut. „Jeder in Straubing weiß, wo die Notwohnungen sind“, sagt sie. Wer hier einziehe, sei stigmatisiert. Das mache sich bei Jobbewerbungen, bei Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz oder der bei der Wohnungssuche bemerkbar.
Kaum ein Entrinnen aus der Abwärtsspirale
Wohnungslosigkeit bei Familien ist etwas, das nicht ins Auge springt, sagt Marie Laumann von der „Familienbegleitung Brückenschlag“ der Bischof-Hermann-Stiftung in Münster. Auch hier hat man oft mit drastischen Fällen von Wohnungslosigkeit zu tun. Laumann berichtet von Familien, die acht Jahre in einer Notunterkunft leben mussten. Der Abwärtsspirale sei kaum zu entrinnen. Wer Mietschulden, Schufa-Einträge oder eine Zwangsräumung hinter sich habe, dessen Chancen, als neuer Mieter akzeptiert zu werden, gingen gegen Null.
Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbands für das Erzbistum Berlin, fordert deutlich mehr Prävention. „Wir dürfen nicht erst handeln, wenn eine Familie bereits vor der Tür ihrer geräumten Wohnung steht.“ Zwangsräumungen müssten insbesondere dann verhindert werden, wenn Minderjährige betroffen sind.