Arbeitsmarktforscher: Flüchtlinge schneller qualifizieren
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Seifollah Abdul Raouf, Flüchtling aus Afghanistan, hat eine Ausbildung zum Fahrzeugmechatroniker und Karosseriebauer abgeschlossen.
Köln (epd).

Der Arbeitsmarktforscher und Wirtschaftswissenschaftler Enzo Weber sieht den deutlichen Rückgang der Bürgergeldempfänger im vergangenen Jahr als Beleg dafür, dass sich nachhaltige berufliche Integration bei Flüchtlingen und anerkannten Asylbewerbern lohnt. Deutschland habe im europäischen Vergleich seit 2015 langfristig einen Spitzenplatz erreicht, sagte Weber am Samstag im WDR5-Morgenecho. Denn immer mehr Flüchtlinge, vor allem aus der Ukraine, fänden in Deutschland eine Beschäftigung. Und sogenannte Aufstocker profitierten vom gestiegenen Mindestlohn.

Nachhaltigkeit zahle sich langfristig aus, sagte Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg und Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg. Aber Deutschland müsse sich eingestehen, dass langwierige bürokratische Verfahren, Wartezeiten bei Integrations- und Sprachkursen vor einer beruflichen Vermittlung vor allem in 2022, 2023 lange Warteschlangen aufgebaut hätten. Dies müsse künftig besser werden, mahnte Weber und forderte neben einer Verfahrensbeschleunigung eine berufliche Integrationsförderung von Anfang an und eine berufsbegleitende Sprachförderung. „So kann man schneller werden.“

Nachbarländer wie die Niederlande und Dänemark hätten zu Beginn der großen Flüchtlingswelle ab 2015 zwar sehr schnell hohe Integrationsquoten in den Arbeitsmarkt vorweisen können, sagte Weber. Doch: „Wer sehr schnell hohe Integrationsquoten zu vermelden hat, der vermittelt meist in das Erstbeste.“ Dies werde mittelfristig dem Potenzial der Menschen nicht gerecht und auch das Aufnahmeland profitiere nicht davon. Denn es handele sich in der Regel um Jobs mit geringer Produktivität, mit wenig Steuererträgen, mit kurzer Beschäftigungsdauer und erneuter Arbeitslosigkeit. „Nachhaltig auf Qualifizierung und Sprachförderung zu setzen, das hat klar sehr große Effekte auf Beschäftigung und Löhne, und davon haben dann am Ende alles was.“

Nachhaltige Arbeitsmarktintegration bringt dem Staat Milliarden ein

Im Asylbewerberleistungsgesetz seien die Bezüge im Vergleich zum Bürgergeld um gut 100 Euro geringer. Das stelle für Bezieher in der Tat einen größeren Anreiz dar, schnell in Beschäftigung zu gehen, räumte Weber ein. Aber man verliere eben auch die begleitende Unterstützung aus einer Hand. Und Studien aus dem Ausland zeigten, dass gekürzte Sozialleistungen mittelfristig keine bessere Integration bewirken. Kurzfristig an der finanziellen Schraube zu drehen, könne vielleicht ein paar Hundert Millionen an Einsparungen bringen. „Aber wenn Hunderttausend aus der Arbeitslosigkeit in Beschäftigung kommen, dann bringt das den öffentlichen Haushalten drei Milliarden.“