Auf der Straße geben sie Orientierung, beim Sport sollen sie für Fairness sorgen und im Alltag für Schutz: Regeln prägen das gesellschaftliche Miteinander und setzen Grenzen. Doch wer bestimmt sie und was passiert, wenn man sie bricht? Diesen Fragen geht ab Mittwoch eine Ausstellung im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur im westfälischen Lichtenau unter dem Titel „Die Macht der Regeln!“ nach. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Schirmherrschaft der Themenschau übernommen.
Anhand von 170 Exponaten aus zehn Jahrhunderten wird in drei großen Räumen vom Klosterdach bis in den Gewölbekeller des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstifts ein breites gesellschaftliches Spannungsfeld eröffnet. Das Kuratorenteam um Museumsdirektor Ingo Grabowski hat sich zum Ziel gesetzt, aufzuzeigen, wie Regeln entstehen und wo sie an ihre Grenzen stoßen.
Die KI-Familien „die Freis“ und „die Correctos“ klären auf
Das Thema anschaulich macht eine Vielzahl an medialen und digitalen Formaten. So stehen den Besucherinnen und Besuchern etwa die beiden mittels KI-erstellten Familien „die Freis“ und „die Correctos“ zur Seite. Laut Museumsleiter Grabowski soll die Ausstellung deutlich machen, dass manche Regeln universal, manche von Land zu Land verschieden, einige flüchtig sind und andere auch Jahrtausende überdauern. Als Beispiel nennt er die Zehn Gebote oder die über 1.500 Jahre alte Ordensregeln des Heiligen Benedikts, eines der ältesten Exponate in der Ausstellung.
Mit seinem Team hat Grabowski europaweit besondere Leihgaben zusammengetragen, die ein facettenreiches Bild von Regeln als Ordnungs- und Bestrafungsinstrumenten vermitteln. Darunter sind etwa der Zeremonialstab vom Hof des einstigen Königs von Westphalen, Jérome de Bonaparte (1784-1860), oder sogenannte Schandsteine aus dem 16. Jahrhundert. Im Mittelalter wurden sie als öffentliche Sanktion gegen „zänkische Frauen“ verhängt. Zur Strafe mussten sie die zwei je rund 15 Kilogramm schwereren Steine um den Hals tragen. „Eine Strafmaßnahme, die mit dem heutigen Shitstorm im Internet vergleichbar ist“, so Grabowski.
Der Reiz des Verbotenen
In der Schule abgucken, in der Bahn schwarzfahren oder beim Spielen schummeln: Im Fokus der Jahresschau bis Mai 2027 stehen auch Regelbrüche, die oft mit dem Reiz des Verbotenen spielen. Dazu gehören neue Ausdrucksformen in der Kunst wie Kandinskys berühmtes abstraktes Gemälde „Kreuzform“ von 1926 oder die Gestaltung der Beatles-LP „Sergeant Pepper“ im Pop-Art-Stil. Rebellion gegen Konventionen verdeutlichen zudem Pippi Langstrumpf, die Punks oder die Haschischdose des Musikers John Lennon (1940-1980).
Das vom US-Geheimdienst abgehörte Handy von Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel und die „Steuererklärung auf dem Bierdeckel“ ihres Nachfolgers Friedrich Merz nehmen ebenfalls bewusste Grenzüberschreitungen in den Blick. Der Bruch mit Regeln könne aber auch Ausgangspunkt für neue Entwicklungen sein, betont Grabowski. Hier seien die Liberalisierung zu Reformen des Frauenrechts und die schrittweise Gleichstellung von heterosexuellen und homosexuellen Paaren Beispiele für neue gesetzliche Regelungen.
Unzählige Verordnungen zum Aufstellen eines Windrades
Politik und Bürokratie spielen im achten und letzten Ausstellungsteil eine große Rolle, der mit Kuriositäten aufwartet. Die unzähligen Verordnungen zum Aufstellen eines Windrades oder die 2009 wieder abgeschaffte EU-Verordnung, die die Krümmung von Gurken vorgibt, sorgen für Kopfschütteln. Besucherinnen und Besucher können hier selbst über Sinn und Unsinn von Regeln abstimmen.
Für Sportbegeisterte gibt es zudem besondere Exponate zu sehen: Ein aufwendig gestalteter Spielkasten für Schach, das Gelbe Trikot von Doping-Sünder Jan Ullrich oder die Pfeife des englischen Schiedsrichters Jack Taylor, der 1974 das legendäre WM-Finale zwischen Deutschland und den Niederlanden pfiff, spiegeln Richtlinien des sportlichen Wettstreits wider.