An diesem Wochenende lebt Jan Ole Jöhnk mal wieder im Jahr 1945. Der 60-Jährige sitzt im verschlissenen Hemd in einer Wellblechhütte und beobachtet seinen Mitbewohner, der Kartoffeln schält. „Nicht so viel Schale abschneiden“, schimpft Jöhnk. Er hat im Freilichtmuseum am Kiekeberg nahe Hamburg die Rolle des pommerschen Flüchtlings „Ernst Walter“ übernommen. Sein Sohn ist verschollen, mit seiner Tochter ist er aus dem Osten geflohen, Schwiegertochter und Enkel sind auf dem Treck verloren gegangen. „Gelebte Geschichte“ heißt das Projekt des Museums in Rosengarten-Ehestorf im Landkreis Harburg.
Der Ursprung dieser Idee liege in „Living History“-Veranstaltungen im 19. Jahrhundert in Großbritannien, den USA, Kanada und Australien, sagt Marian Bornemann, Experte am westfälischen LWL-Freilichtmuseum Hagen. Heute steht „Gelebte Geschichte“ bundesweit in zahlreichen Museen auf dem Programm - vom LVR-Freilichtmuseum Kommern in der Eifel über das LWL-Römermuseum Haltern am See bis zum Wikingermuseum Haithabu in Schleswig-Holstein.
Unbeliebte Geflüchtete
Südlich von Hamburg gehen Jöhnk und andere Ehrenamtliche auf Zeitreise in die Nachkriegszeit, hausen tagsüber im Auffanglager. „Das Essen war knapp und Hoffnung auf bessere Zeiten gab es kaum“, erklärt Jöhnk. Als Bewohnerinnen und Bewohner der sogenannten Nissenhütte zeigen er und die anderen Ehrenamtlichen regelmäßig an Wochenenden, wie das Überleben von ausgebombten Hamburgerinnen, Geflüchteten und Kriegsheimkehrern in den einfachen Wohnbaracken aussah.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Niedersachsen knapp zwei Millionen Geflüchtete aus dem Osten aufnehmen, in manchen Dörfern verdoppelte sich die Einwohnerzahl. „Diese Menschen wollte man nicht im Dorf haben“, weiß Projektkoordinatorin Julia Daum. Harte Zeiten, auch unter den Geflüchteten herrschte oft Neid. Und so schimpft „Ernst Walter“ ausgiebig über den besseren Schlafplatz von „Magister Schmelkus“, der von Torsten Riebesel dargestellt wird.
Falsche Leberwurst
Auch gekocht wird wie damals. Der Kaffee ist aus gerösteten Eicheln, auf einem gemauerten Behelfsherd brutzelt falsche Leberwurst in der Pfanne. „Das ist ein Rezept aus Zwiebeln, Hefe, Haferflocken und Majoran“, erklärt Daum. Fleisch war selten, deshalb wurden Ersatzprodukte hergestellt. Sie lacht: „Solche veganen Rezepte sind heute richtig beliebt.“
Im Norden gehörte das Freilichtmuseum am Kiekeberg zu den ersten mit einem „Gelebte Geschichte“-Programm. Seit mehr als 20 Jahren schlüpfen Darstellerinnen und Darsteller hier in historische Kleidung, mittlerweile an 40 Tagen im Jahr. „Unsere Idee war, unsere Häuser zu beleben“, sagt Projektkoordinatorin Daum. Anstatt sich nur leere Gebäude anzusehen, nehme das Publikum durch persönliche Begegnungen und Gespräche viel mehr mit. „Sie verstehen viel besser, wie es sich damals angefühlt hat“, sagt die Archäologin.
Realistische Darstellungen
Mehr als 50 ehrenamtliche Darstellerinnen und Darsteller zwischen sechs und 80 Jahren zeigen den Alltag in der Vergangenheit - auf dem Heidebauernhof 1804, im Fischerhaus um 1904, im Friedenssommer 1945 und in der jungen Bundesrepublik 1964. In Teamarbeit wurden zuvor Biografien, Namen und Hintergründe für die Rollen entwickelt. „Dafür nutzen wir Tagebücher, Radioaufnahmen und zeitgeschichtliche Dokumente“, erklärt Daum, die sich um Fortbildung und Ausstattung der Ehrenamtlichen kümmert.
Anders als bei bunten Mittelaltermärkten oder bei sogenannten LARP-Rollenspielen versuchen Museen, das historische Leben möglichst realistisch darzustellen, sagt der Hagener Experte Bornemann. Dabei gehe es auch um neue Perspektiven, etwa welche Rolle Frauen oder bestimmte Berufe hatten. „'Gelebte Geschichte' hat eine besondere Anziehungskraft auf Menschen“, findet Bornemann.
Ältere erinnern sich
Das funktioniert auch in der beunruhigenden Atmosphäre von 1945. Viele Besucher und Besucherinnen zögern, bevor sie in die dunkle Hütte kommen. Kinder bleiben oft lieber draußen. Darsteller Jöhnk freut sich immer über Fragen, erzählt oder hört zu. Immer wieder berichten ältere Besucher, dass sie als Kind nicht in der Nähe von Nissenhütten spielen durften.
Seit einem Jahr ist Jöhnk in der Rolle als pommerscher Flüchtling dabei, seine Tochter Levke (12) spielt die Enkelin. „Man taucht richtig in diese Zeit ein, einer Mischung aus Hoffnungslosigkeit und der leisen Hoffnung, dass jemand auftaucht, den man vermisst.“ Jöhnk möchte mit seinem Engagement verhindern, dass die Nachkriegszeit vergessen wird. Und wenn er nach seinem Einsatz nach Hause fährt, kriecht in ihm diese Demut hoch, wie er sagt: „Wie gut es uns doch geht!“
Aktuelle Kriege und Migrationsdebatten zeigen so manche Parallelen zum Jahr 1945, findet Koordinatorin Daum. Das betreffe auch den Umgang mit Geflüchteten. Viele Menschen würden die Nachkriegszeit verklären und denken, dass Vertriebene damals gut aufgenommen worden seien. „So war es nicht. Es gab sehr viel Streit und Missgunst.“ Sie wünscht sich, dass Menschen aus dieser Geschichte lernen. „Wir sollten heute mit Geflüchteten freundlich umgehen.“