Verletzen und heilen
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Arp Museum würdigt Günther Uecker mit grosser Retrospektive
Letzte Ausstellung unter Mitwirkung Ueckers im Arp Museum
Remagen (epd).

Hammerschläge ertönen im Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Rhythmisch schlägt Günther Uecker dicke Nägel in die hölzerne Treppe des spätklassizistischen Bahnhofsgebäudes und legt so eine Spur vom Vorplatz bis in das oberste Stockwerk. Für die Besucherinnen und Besucher des Museums besteht dennoch keine Stolpergefahr. Die Nägel sind längst verschwunden. Ueckers künstlerische Nagel-Aktion von 1964 ist nun als Film an ihren Schauplatz zurückgekehrt.

Mit der Ausstellung „Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“ würdigt das Arp Museum einen Künstler, der eng mit der Geschichte des Bahnhofs und des Museums verbunden ist. Uecker war mit dem Galeristen Johannes Wasmuth befreundet, der das historische Bahnhofsgebäude Mitte der 1960er Jahre vor dem Abriss rettete und zu einem Ort der Künste machte. Uecker gehörte von Beginn an zu der Gruppe von Künstlern, die sich dort versammelte, darunter Gerhard Richter, Sigmar Polke, Yves Klein oder Gotthard Graubner.

Erste Retrospektive nach Ueckers Tod

Nun schließt sich der Kreis, indem das heutige Arp Museum Bahnhof Rolandseck die letzte Uecker-Ausstellung zeigt, an der der Künstler selbst noch mitgewirkt hat. Zugleich ist es die erste Retrospektive nach seinem Tod. Uecker, der als einer der bedeutendsten Künstler der deutschen Nachkriegsmoderne gilt, war im vergangenen Juni im Alter von 95 Jahren verstorben.

Die Arbeiten an der Ausstellung „Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“ konnte er nicht mehr beenden. Doch Kuratorin Jutta Mattern setzte seine Impulse zusammen mit seinem Sohn, Jakob Uecker, um. So hatte Uecker selbst noch die Idee gehabt, das „Bett zum Aufwachen“ (1965) zu einem Ausgangspunkt der Ausstellung zu machen. Es besteht aus einem Podest sowie einer Rückwand und einem Baldachin. Darauf sind Nagelreliefs aufgebracht, die an wogende Wolken erinnern. Das Bett war ein Geschenk an Johannes Wasmuth, der es jahrelang in seiner Wohnung im Bahnhof benutzte.

Die Ausstellung präsentiert bis zum 14. Juni insgesamt knapp 50 Werke aus sieben Jahrzehnten - von 1957 bis 2020. Uecker hatte sich laut Mattern gewünscht, seine übernagelten Objekte dabei ins Zentrum zu stellen. Zu sehen sind außerdem Nagelreliefs, kinetische Installationen, textile Arbeiten und Filme.

Alltagsobjekte in Kunst verwandelt

Den Auftakt zur Ausstellung machen in Kunst verwandelte Alltagsobjekte, darunter „TV auf Tisch“: Der Tisch, an dessen geschwungenem Bein eine Nagelspur hinaufkriecht, die sich über den darauf stehenden Fernseher fortsetzt, entstand 1963, ein Jahr vor der Entdeckung des Bahnhofs Rolandseck durch die Künstler. Das Werk scheint auf die abstumpfende Wirkung der Massenmedien hinzuweisen, die realen Bildern einen abstrakten Charakter verleihen. Die Verletzung des Fernsehers durch die Nägel verweist auf die Realität des Schmerzes.

Uecker gehört zur Generation der Künstler, die sich mit der Frage auseinandersetzten, wie Kunst auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs reagieren könne. Anfang der 1960er Jahre schloss er sich der avantgardistischen Düsseldorfer Künstlergruppe ZERO um Heinz Mack und Otto Piene an. Die Künstler hatten sich zum Ziel gesetzt, ästhetisch und ideologisch „bei Null“ zu beginnen. Mit ihren lichtkinetischen Objekten wollten sie neue, puristische und positive Ästhetik schaffen.

„Waldgarten“ und „Feld“ aus Nägeln

Auch Ueckers Arbeiten beziehen den Lichteinfall mit ein. Nagelreliefs wie „Feld“ (1975) erinnern mit ihrer flirrenden Oberfläche an wogende Ähren. Der Bezug zur Natur und auch der ökologische Aspekt spielen bei Uecker, der in Mecklenburg auf einem Bauernhof aufwuchs, eine zentrale Rolle. Deutlich wird das etwa auch in „Waldgarten“ (2008), drei von Nagelbüscheln gekrönten Baumstümpfen. Ueckers Arbeiten zeigen die Verletzlichkeit der Natur. Doch zugleich erscheinen die eindringenden Nägel als Teil der Ästhetik.

Dass es Uecker auch um Heilung geht, verdeutlichen Arbeiten aus seiner Werkgruppe „Verletzungen - Verbindungen“, die er in den frühen 1980er Jahren begann und bis in die frühen 2000er Jahre fortsetzte. Dabei arbeitete er mit Holzteilen, die er durch Leinenstreifen verknüpfte.

Die Ausstellung präsentiert außerdem eine Reihe von Ueckers kinetischen Arbeiten. Sie spielen mit Licht, Struktur und Geräuschen. Zugleich haben sie einen partizipativen Charakter. Das „Dynamische Paar“ (1965) etwa kann durch den Tritt auf einen roten Knopf in Bewegung gesetzt werden. Eine Halbkugel und ein Rahmen, die mit lockeren Nägeln bestückt sind, setzten sich laut ratternd in Bewegung. Auch die „Tanzende Nadel für Pina Bausch“ - eine alte Nähmaschine - dürfen die Besucher betätigen. Zu sehen ist auch eine von Ueckers berühmten Sandmühlen.

Von Claudia Rometsch (epd)