Als Künstler war er Autodidakt. Er studierte nicht Kunst, sondern Psychologie, Philosophie, alte Sprachen und Kunstgeschichte. Lange Zeit fand Max Ernst, geboren 1891 in Brühl bei Köln, wenig Anerkennung. Doch als der Maler, Grafiker und Bildhauer vor 50 Jahren in Paris starb, am 1. April 1976, war er berühmt und mehrfach ausgezeichnet.
Als junger Mann rebelliert Max Ernst gegen die bürgerliche Ordnung, gegen seinen katholischen Vater. Und gegen die „Schweinerei dieses blödsinnigen Krieges“, wie er schreibt - er meint den Ersten Weltkrieg, an dem als Soldat teilnimmt.
Dada-Gruppe in Köln
Er fühlt sich zur Dada-Bewegung hingezogen, die 1916 in Zürich an die Öffentlichkeit tritt. Sie will mit Nonsens provozieren und das Bewährte über den Haufen werfen. 1919 ruft er mit Hans Arp und anderen in Köln eine Dada-Gruppe ins Leben. In ihrer Wochenschrift „Der Ventilator“ heißt es mit bitterem Sarkasmus: „Bürger! (…) Haltet euch am Besitz - unser gefährlichster Feind ist der Geist.“ Die Zeitschrift wird bald verboten. Dada-Ausstellungen in Köln mit Collagen von Max Ernst erregen öffentliches Aufsehen. Der Vater teilt ihm mit: „Ich verfluche dich.“
1922 geht Max Ernst nach Paris, wo er im Kreis der surrealistischen Autoren und Künstler mit offenen Armen aufgenommen wird - erstaunlich, denn das Verhältnis zwischen den Nachbarländern ist zu dieser Zeit feindselig. Doch Paul Éluard, der noch kurz vorher bei Verdun gekämpft hat, André Breton, Louis Aragon und die anderen Künstler interessieren sich nicht für Nation und Herkunft, sondern sehen in dem Deutschen einen Geistesverwandten.
„Jungfrau züchtigt das Jesuskind“
1924, die Dada-Revolte ist abgeklungen, erscheint Bretons „Surrealistisches Manifest“. Darin propagiert er die Auflösung des Gegensatzes von Traum und Wirklichkeit zu einer neuen, „surrealen“ Realität. Damit verbunden ist die Ablehnung aller herkömmlichen Werte, verschärft im zweiten surrealistischen Manifest (1930): „Alles muss getan werden, alle Mittel sind recht, um die Ideale Familie, Vaterland, Religion zu zerschlagen.“
In diesem Sinne malt Ernst 1926 das Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: A.B., P.E. und dem Maler“, also Breton, Éluard und Ernst. Zu sehen ist Maria, die die Hand erhebt, um das Jesuskind zu schlagen. Es ist eine „der ersten antiklerikalen Aktionen der surrealistischen Bewegung“, erklärt Jürgen Pech, der frühere wissenschaftliche Leiter des Max-Ernst-Museums in Brühl.
In Nazi-Deutschland diffamiert
Im Dorf Pornic am Atlantik ist Max Ernst in seinem Quartier fasziniert von der Maserung des ausgescheuerten Dielenfußbodens. Er legt Papier darauf und reibt die Holzstruktur mit weichem Bleistift durch. Diese Technik, in der gleich eine ganze „Naturgeschichte“ mit seltsamen Fisch- und Vogelwesen entsteht, nennt er „Frottage“ (von frotter, „reiben“). Auch die Grattage (von gratter, „abkratzen“), bei der mit einem Messer getrocknete Farbschichten eines Bildes abgeschabt oder -gekratzt werden, erfindet er in dieser Zeit.
Max Ernsts Werke werden in Nazi-Deutschland diffamiert, zwei sind 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird es für ihn in Frankreich immer schwieriger. Als „feindlicher Ausländer“ 1939 interniert, kommt er zwar wieder frei, muss aber im folgenden Jahr wieder ins Gefängnis, diesmal von der Gestapo verhaftet.
Exil in den USA
Er kann fliehen. Zusammen mit der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die später seine dritte Frau wird, schafft er den Weg ins US-amerikanische Exil nach New York. Ab 1946 lebt er mit seiner vierten Frau, der Malerin Dorothea Tanning, in Sedona in der Wüste von Arizona in einem einsamen Haus. 1953 kehrt er mit seiner Frau nach Paris zurück.
Zu ihrem Geburtstag schenkt er ihr jedes Jahr ein Bild, nach ihrem Vornamen „D-Painting“ genannt. Zum 50. Geburtstag (1960) zeigt es eine blaue Blume - nach Worten von Jürgen Pech die blaue Blume der Romantik, wie sie in einem Romanfragment des Dichters Novalis in einem Traum auftaucht. Endliches und Unendliches, Natur und Geist seien bei Novalis harmonisch ausgeglichen: „Das Innen und das Außen, der Traum und die Realität gehören zusammen.“ All diese Aspekte der Verschmelzung von Gegensätzen, erklärt Pech, seien in dem Bild von Max Ernst konzentriert zusammengefasst.
„Nicht die vernünftigsten Menschen haben Weltgeschichte gemacht“
Ernst schätzte auch den Romantiker Caspar David Friedrich und dessen Maxime: „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst sehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf Andere, von außen nach innen.“ Auch Max Ernst wollte als Maler projizieren, was er in sich selbst sah. So kamen verstörende Visionen wie „Europa nach dem Regen“ zustande, oft aber auch Werke mit Ironie und leisem Witz.
„Nicht die vernünftigsten Menschen haben Weltgeschichte gemacht, sondern die Wahnsinnigen“, erklärte Max Ernst im Rückblick auf sein Leben und Schaffen: „Wenn die Malerei ein Spiegel der Zeit ist, muss sie wahnsinnig sein.“