"Auf der Zielgeraden"- BAP-Gründer Wolfgang Niedecken wird 75
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Wolfgang Niedecken im Jahr 2015 in Dresden (Archivbild)
Köln (epd).

In diesem Jahr gibt es für Wolfgang Niedecken einen doppelten Anlass zum Feiern: Der Kölsch-Rocker wird am 30. März 75 Jahre alt und seine Band BAP besteht seit 50 Jahren. Niedecken veröffentlicht dazu unter dem Titel „Paar Daach Später“ eine Zusammenstellung mit 50 Live-Songs aus 50 Jahren. Danach folgt die Jubiläumstournee „Die Zielgerade“ durch 19 Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eröffnet wird sie am 10. Juli im Müngersdorfer Stadion in Köln.

Keine andere Kölsch-Combo ist international so erfolgreich wie Niedeckens Band BAP, die einst auch in China oder der Sowjetunion Konzerte gab. Der Musiker spielte mit Bruce Springsteen und Ray Davies von den Kinks. In der Zeit der Proteste gegen Nachrüstung und Neonazis in den 1980ern habe Niedecken mit seinen Texten genau den Zeitgeist getroffen, sagte der einstige Direktor des Kölner Stadtmuseums, Mario Kramp, dem epd einmal.

Aus Zufall auf Kölsch-Rock gekommen

Der Kölsch-Rock ist laut Niedecken einem Zufall zu verdanken gewesen. Als er Mitte der 70er Jahre seiner - damals noch namenlosen - Freizeitband ein Stück in Kölscher Mundart („Helfe kann dir keiner“) vorspielte, gefiel das den Bandkollegen. Aus der Combo wurde dann BAP - ein Name, der dem Dialektwort „Bapp“ für „Vater“ entlehnt ist. „Verdamp lang her“ und „Kristallnaach“ machten die Band Anfang der 80er bundesweit bekannt.

Wesentlich beeinflusst hat ihn der Musiker und Songwriter Bob Dylan, den er später mehrmals persönlich traf. Ohne Dylan wäre er wohl nicht zur Musik gekommen, schrieb Niedecken in seinem 2021 veröffentlichten Buch über den US-Musiker. Immer wieder hat Niedecken Dylan-Songs in Kölsche übertragen, mit „Leopardefell“ ihm sogar ein ganzes Album gewidmet.

Wollte eigentlich bildender Künstler werden

Eigentlich hatte Niedecken, der am 30. März 1951 als Sohn des Kölner Lebensmittelhändlers Josef Niedecken und seiner Ehefrau Hubertine geboren wurde, bildender Künstler werden wollen. Ohne Abitur studierte er an den Kölner Werkschulen bis 1974 freie Malerei. Seine Kunst hat Niedecken in mehreren Ausstellungen präsentiert. Oft gestaltet er auch die Plattencover und Tourneeplakate selbst.

Kunst und gesellschaftliches Engagement gehören für ihn zusammen. Auch heute mischt sich der Musiker immer wieder ein. Die AfD sei ebenso wenig eine Alternative für Deutschland, wie die Deutsche Demokratische Republik demokratisch gewesen sei, sagte Niedecken im November in der Sendung „Maischberger“ in Anspielung auf die DDR. Es müsse mit allen demokratischen Mitteln versucht werden, die Partei AfD zu behindern.

Die Diskussion über eine erneute Wehrpflicht in Deutschland sieht Niedecken skeptisch, den Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ empfinde er als „sehr unangenehm“. Er befürwortet ein soziales Jahr für junge Männer und Frauen: „Also mir hat der Zivildienst beispielsweise sehr gutgetan.“

Engagement mit Bundesverdienstkreuz gewürdigt

Für sein gesellschaftspolitisches Engagement nimmt Niedecken am 14. April in Konstanz die „Georg-Elser-Auszeichnung“ entgegen. Bereits 2013 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. 1992 war er einer der Initiatoren des Kölner Konzerts „Arsch huh, Zäng ussenander“ gegen Rassismus und Fremdenhass.

Niedecken unterstützt als Botschafter das Welthungerhilfe-Projekt „Au secours du Congo“ (Hilfe für den Kongo), in dem junge Frauen und junge Männer eine praxisorientierte Berufsausbildung, psychosoziale Unterstützung und Hilfe beim Aufbau kleiner Unternehmen erhalten. Zuvor hatte er in dem von ihm mitgegründeten Hilfsprojekt „Rebound“ frühere Kindersoldaten in Uganda unterstützt. Seit 2004 ist der Musiker Sonderbotschafter der Hilfsaktion „Gemeinsam für Afrika“.

Früh Missbrauch thematisiert

Der Musiker, der als Schüler in einem katholischen Internat in Rheinbach bei Bonn Gewalt und Missbrauch erlebt hat, schrieb in seiner Autobiografie bereits früh über das Thema Missbrauch im Kirchenraum. Aus Rücksicht auf seinen katholischen Vater trat Niedecken erst nach dessen Tod aus der Kirche aus. Er selbst sieht sich heute als „Agnostiker mit Gottvertrauen“: „Ich bin katholisch erzogen worden, halte es für möglich, dass es einen Gott gibt, aber ich weiß nicht, wer das ist“, sagte er dem epd anlässlich seines 70. Geburtstags.

Zäsur durch Schlaganfall

Eine Zäsur war für den Musiker ein Schlaganfall im Jahr 2011. Das sei die dunkelgelbe Karte gewesen. Daher treibe er nun jeden Tag Sport, mache Gymnastikübungen, ernähre sich gesund, erzählte Niedecken. Mit seiner zweiten Frau Tina lebt er in Köln. Dort feiert er auch seinen Geburtstag: mit „Liedern und Geschichten“ auf der Bühne der Kölner Philharmonie.

Auf der BAP-Jubiläumstour ist er in den großen Arenen zu erleben. Das sei noch keine Abschiedstournee, schreibt Niedecken auf seiner Internetseite. Das Motto „Zielgerade“ erinnere aber daran, „dass wir die meisten BAP-Shows wohl schon gespielt haben und dass es so langsam aufs Finale zugeht.“

Von Holger Spierig (epd)