Marianna Simnett begrüßt ihr Publikum in Brühl mit bronzenen Kronen und bunten Plüschtieren. In einem Video scheinen Fuchs, Hase und Rabe wie in einem lustigen Zeichentrickfilm Schabernack zu treiben. Doch der Eindruck, in eine heile Kinderwelt einzutreten, erweist sich sehr schnell als Trugschluss. Das lilafarbene Plüsch-Einhorn erscheint auf den zweiten Blick als Gefängnis eines menschlichen Körpers, der Kopf und Arme aus dem Rumpf des Tieres streckt. Fell und Kopf eines roten Hasen bergen eine gebückte menschliche Gestalt unter sich. Und in dem Video treiben die auf den ersten Blick putzigen Tiere ein blutiges Spiel.
Marianna Simnett knüpft mit ihren Arbeiten bewusst an die Ideen des Surrealismus an, der Traum und Zufall nutzte, um das Verdrängte als Teil der Wirklichkeit offenzulegen. „Headless“ (Kopflos), der Titel ihrer Ausstellung, ist von Max Ernst inspiriert, Surrealist und Namenspatron des Museums. Er bezieht sich auf Max Ernsts ersten Collageroman „La femme 100 têtes“ (Die hundertköpfige kopflose Frau) von 1929. Doch während Ernst seine Collagen mit Hilfe eines Skalpellmessers aus Papier-Vorlagen zusammenstellte, nutzt Simnett eine Bandbreite an Medien bis hin zu neuster Technologie.
Motive aus Mythologie und Märchen
In der ersten Überblicksausstellung der 1986 geborenen Künstlerin sind bis zum 5. Juli Gemälde, Skulpturen, Video- und KI-Arbeiten aus den vergangenen sieben Jahren zu sehen. Für die Ausstellung in Brühl schuf sie eigens die Gemäldeserie „Headless“, die sich direkt auf Max Ernsts Collageroman bezieht. Der Titel „Headless“ berge für sie eine Vielzahl von Bedeutungen, sagt Simnett. „Kopflos zu sein kann bedeuten, verloren zu sein, zornig zu sein, dumm zu sein. Der Begriff beinhaltet aber auch die Hoffnung auf Veränderung, die Möglichkeit zu träumen.“
Das Motiv der Kopflosigkeit zieht sich als roter Faden durch die Ausstellung. Dabei nutzt Simnett häufig Motive aus der griechischen Mythologie und aus Märchen. Die Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld von Traum und Trauma, Gewalt, Horror und Spiel. Das Museum hat einige ihrer Videoarbeiten wegen schockierender Szenen mit Warnhinweisen versehen. In Simnetts surrealen Bildwelten scheint es keine Gewissheiten zu geben. Auf den ersten Blick lustige oder spielerische Szenarien gleiten in Horror ab. Die Konventionen des Erzählens von Geschichten werden gebrochen.
Aus scheinbar lustigen Geschichten werden Horrorszenarien
So setzt das Video „Prayers for Roadkill“ (2022) Tiere in Szene, die aus Märchen, Fabeln oder Zeichentrickfilmen bekannt sind: Fuchs, Rabe, Wolf, Biber. In einem Kinderzimmer schaukelt ein niedliches Nagetier mit einem blauen Schnuller im Maul in einem roten Kinderbettchen. Fuchs und Rabe kommen wohl, um mit dem Tierchen zu spielen. Doch dann liegt der Fuchs blutend am Boden. Der Rabe in Schwesterntracht eilt scheinbar zur Hilfe. Doch am Ende ist der Kopf des Fuchses abgetrennt. Simnett sammelte für dieses Video echte, im Autoverkehr getötete Tiere und präparierte sie. Im Film sterben sie erneut.
Das Video „The Bird Game“ taucht in eine Schloss-Szenerie ein. Eine Krähe animiert als Prinzessin und Prinz verkleidete Kinder zu einem scheinbar lustigen Spiel. Doch dann lassen sich die Kinder in ein perverses Machtspiel verstricken, das mit dem Tod endet. Marianna Simnett betont, dass ihre Kunst nicht als Provokation gedacht sei. Vielmehr gehe es ihr um Transformation. „Manchmal bringt gerade der schlimmste Horror eine Art von Eskapismus mit sich und die Erlaubnis, über den Horror hinaus an einen anderen Ort zu gehen und die Schrecken da draußen für einen Moment etwas leichter zu nehmen.“
Feministische Sichtweise
Simnett schreibt den Surrealismus auch fort, indem sie ihm eine feministische Sichtweise hinzufügt. Ihre Serie „Crowns“ besteht aus Kronen-Skulpturen, die aus kleinen, mit Bronze umhüllten Plastik-Tierfiguren bestehen. Benannt sind die Kronen jeweils nach Göttinen der Antike wie Maniae, Hydra oder Hedone, die negative Eigenschaften wie Wahnsinn, Monstrosität oder Ekstase verkörpern. Indem Simnett Kronen für die Dämoninnen erschafft, werte sie deren Bedeutung auf und gebe ihnen einen Platz, den sie zuvor in der Kunstgeschichte nicht hatten, erklärt Museumsdirektorin und Kuratorin Madeleine Frey.
In ihrem Video „Leda Was a Swan“ deutet Simnett die Geschichte der Göttin Leda um, die von Zeus in Gestalt eines Schwans vergewaltigt worden war. In dem Video, in dem Simnett selbst performt, werden Leda und der Schwan mit Hilfe von KI zu einer Figur.
Marianna Simnett, die in New York und Berlin lebt, war mit ihren Werken 2022 auf der 59. Biennale in Venedig vertreten. Sie hatte unter anderem Einzelausstellungen im Hamburger Bahnhof in Berlin, im MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt sowie dem The New Museum in New York.