Auch nach zwei neuen Forschungsarbeiten bleibt es weiter unklar, ob es sich bei dem Gelände rund um das Varusschlacht-Museum in Bramsche-Kalkriese bei Osnabrück tatsächlich um den Schauplatz der Varusschlacht im Jahr 9 n.Chr. handelt. Ein zweifelsfreier Beleg fehle aus archäologischer Sicht weiterhin, sagte die Bonner Archäologin Uta Schröder am Donnerstag in Kalkriese bei der Vorstellung ihrer Doktorarbeit.
Schröder hat nach eigenen Worten erstmals rund 5.400 Kleinobjekte, die bei Grabungen in Kalkriese gefunden wurden, systematisch analysiert. Demnach ist es dort zweifelsfrei zu einer militärischen Auseinandersetzung mit Beteiligung römischer Truppen gekommen. Eine eindeutige Zuordnung zur Varusschlacht sei allerdings nicht möglich. Bislang fehlten etwa Hinweise auf Frauen und Kinder, die laut Schriftquellen den Tross der Varuslegionen begleiteten.
19. Legion war zweifelsfrei in Kalkriese
Zudem hätten ihre Untersuchungen gezeigt, dass die Häufung von Funden oft weniger die historischen Ereignisse selbst als vielmehr die Intensität archäologischer Untersuchungen widerspiegelten, sagte Schröder. Auch die Landwirtschaft habe die Verteilung der Funde im Laufe der Jahrzehnte wesentlich beeinflusst. Kalkriese bleibe aber einer der bedeutendsten archäologischen Schauplätze Europas.
Die Chemikerin Annika Lüttmann vom Deutschen Bergbau-Museum in Bochum hat in ihrer Doktorarbeit die Buntmetalle unter den Fundstücken analysiert und dadurch die 19. römische Legion zweifelsfrei in Kalkriese nachgewiesen. Diese war laut den Schriftquellen auch an der Varusschlacht beteiligt. Auch wenn dies ein weiteres Indiz für Kalkriese als Ort der Schlacht sei, halte sie weitere Forschungen für dringend notwendig, sagte die Materialwissenschaftlerin.
Neues Grabungsprojekt geplant
„Die beiden Doktorarbeiten zeigen einmal mehr, dass die Geschichte dieses Ortes noch lange nicht zu Ende erzählt ist“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Museums, Marcus Zagermann von der Universität Osnabrück. Es werde deutlich, dass die Archäologie mit ihren eigenen Möglichkeiten an Grenzen komme, die aber durch naturwissenschaftliche Verfahren geöffnet werden könnten. Der Archäologe kündigte ein neues, mehrjähriges Grabungsprojekt in Kalkriese an, das weitere Erkenntnisse über den Verlauf der militärischen Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen an diesem Ort bringen soll.
Der genaue Ort der Varusschlacht ist bis heute unter Wissenschaftlern umstritten. Mehrere Orte werben damit, Schauplatz der legendären Schlacht gewesen zu sein. Bei Detmold in Nordrhein-Westfalen erinnert seit 1875 das 53 Meter hohe Hermannsdenkmal an den Cherusker-Fürsten Arminius („Hermann“), der einst die Germanen gegen die Römer angeführt hatte. Der Erbauer des Standbilds, Ernst von Bandel (1800-1876), orientierte sich am damaligen Stand der Forschung, die davon ausging, dass die Varusschlacht im Teutoburger Wald bei Detmold stattgefunden habe.