Max Ernsts expressionistische Wurzeln in Bonn
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Visionen der Moderne: Macke-Haus zeigt Anfänge des Surrealisten Max Ernst
Museum August Macke Haus präsentiert Frühwerk des Surrealisten
Bonn (epd).

Bonn zu Beginn des 20. Jahrhunderts: „Eine rechte Rentnerstadt“, urteilt August Macke (1887-1914). „Alles sehr still, seriös und unauffällig.“ Dennoch richtete der Maler sich in seiner Heimatstadt ein Atelier ein. Eine Entscheidung, die Bonn - und insbesondere Mackes dortiges Wohnhaus - für wenige Jahre zu einem Anziehungspunkt für Künstler der Avantgarde machte. Einer der Künstler, die der Netzwerker Macke mit seinen zahlreichen Verbindungen in die damaligen Kunst-Metropolen prägte, war Max Ernst. Besonders um sein Frühwerk geht es in einer startenden Ausstellung im Museum August Macke Haus.

Tatsächlich nahm die Laufbahn Max Ernsts, der später in den USA und in Paris lebte, in der beschaulichen Stadt am Rhein ihren Anfang. Bekannt ist Ernst durch seine surrealistischen Gemälde mit Darstellungen von traumhaften Szenen und Mischwesen. Die Ausstellung „Visionen der Moderne - August Macke und Max Ernst“ beleuchtet ab Donnerstag hingegen die expressionistischen Wurzeln des Künstlers. Die Schau präsentiert bis zum 23. August rund 90 Arbeiten Ernsts und Mackes, darunter Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Fotografien und Zeitdokumente.

Regelmäßiger Gast bei Macke

Max Ernst, am 2. April 1891 im rheinischen Brühl geboren, studierte von 1910 bis 1914 an der Universität Bonn. In dieser Zeit lernte er August Macke kennen und war regelmäßiger Gast in dessen Bonner Wohnhaus, das Teil des heutigen Museums ist. „Als junger Philosophiestudent kam er an Sonntagvormittagen des öfteren zu uns und hatte mit August im Atelier lange Gespräche über Kunst, Gott und die Welt“, erinnert sich Mackes Ehefrau Elisabeth später.

Macke und der Autodidakt Ernst hatten ähnliche künstlerische Ansichten. Mackes Bilder seien eine „Augenweide“ gewesen, erinnert sich Ernst später. „Er übte eine Faszination auf uns Maler und Dichter aus.“ 1913 organisierte Macke in Bonn die „Ausstellung Rheinischer Expressionisten“ und lud Ernst ein, sich als einer von 16 Künstlerinnen und Künstlern daran zu beteiligen.

Für Ernst war es die erste Gelegenheit, seine Werke auszustellen. Er war mit etwa einem Dutzend Arbeiten sehr stark vertreten. Diese lassen sich nicht mehr alle identifizieren. Einige konnte Museumsdirektorin und Kuratorin Friederike Voßkamp dennoch ausfindig machen. Die Ausstellung präsentiert etwa das Ölgemälde „Der Sturm“, das in dunklen Grüntönen gehaltene wogende Bäume zeigt. Das lichte Aquarell „Eine Straße in Paris“ stellt eine vibrierende Szene mit Autos, Fuhrwerken, Passanten, Häusern und Straßenbeleuchtung dar.

Parallelen im Werk der Künstler

Neben dem Interesse an Straßenszenen gibt es weitere auffällige Parallelen im Werk der beiden Künstler. So zeigt die Ausstellung etwa Holzschnitte Mackes und Ernsts aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, die Menschen in der Natur darstellen. Ein beliebtes Motiv Mackes waren Parks und Zoologische Gärten. Max Ernsts ungewöhnliches achteckiges Bild „Im Zoologischen Garten in Köln (Hubertushirsch)“ ist im Museum August Macke Haus erstmals öffentlich zu sehen. Das Bild wurde erst vor wenigen Jahren in einer Privatsammlung wiederentdeckt.

Für einige Jahre war Bonn für Ernst, der später über Paris nach New York, Arizona und wieder zurück nach Paris kam, sein Lebensmittelpunkt. Das schlägt sich in seinen Arbeiten nieder, wo er seinen studentischen Alltag und Menschen auf der Straße humorvoll skizziert. Macke hält sein unmittelbares Wohnumfeld in zahlreichen Gemälden fest. Ein ähnlicher Humor zeigt sich jedoch auch in seinen Skizzen. Während Ernst seinen schlafenden Professor zeichnet, hält Macke das Bild eines im Sitzen eingeschlafenen Mannes fest und kommentiert es mit der rheinischen Überschrift „Schlaf joht“.

Rolle der Ehefrauen beleuchtet

Ein Kapitel der Ausstellung widmet sich den beiden Ehefrauen der Künstler, die ihr Schaffen maßgeblich bestimmten. Elisabeth Macke, geborene Gerhardt, ist nicht nur ein beliebtes Motiv im Werk August Mackes. Das Paar entwickelte auch gemeinsam Arbeiten wie etwa ein rundes besticktes Kissen, auf das Elisabeth Macke Motive ihres Mannes übertrug. Zudem war sie nach dem Tod August Mackes für den Erhalt seines Werkes verantwortlich. Luise Straus-Ernst war eine der ersten Frauen, die an der Bonner Universität promovierten und sorgte an der Seite ihres damals mittellosen Mannes für das Einkommen.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 setzt der Künstlerfreundschaft sowie der kleinen avantgardistischen Szene in Bonn ein abruptes Ende. Macke fällt gleich zu Beginn des Krieges im Alter von nur 27 Jahren. Auch Ernst muss als Soldat in den Krieg, überlebt aber. 1972 kehrt er für einen Besuch nach Bonn zurück, um dort die Ehrendoktorwürde der Universität entgegenzunehmen. In seiner Dankesrede würdigt er den großen Einfluss August Macke auf sein Werk, wie Elisabeth Macke später erfreut berichtet. Max Ernst starb am 1. April 1976 in Paris.

Von Claudia Rometsch (epd)