Kunst für den Zusammenhalt
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Bonner Kunsthalle eröffnet Kunstspielplatz
Bundeskunsthalle lädt zum Spielen mit interaktiven Kunstwerken
Bonn (epd).

Wie eine Trümmerlandschaft glitzern 1,2 Tonnen weiße Legosteine in der Sonne. Noch herrscht Chaos auf den sechseckig angeordneten Tischen, die Ólafur Elíasson auf dem Dach der Bundeskunsthalle platziert hat. Doch mithilfe der Besucherinnen und Besucher sollen dort bald schon Städte, Landschaften oder andere Bauwerke entstehen. „The collectivity project“ ist ein Kunstwerk, das nur unter Mitwirkung des Publikums entsteht. Es geht um das gemeinsame Bauen und vielleicht sogar darum, zusammen Visionen zu entwickeln.

Die Arbeit des in Berlin lebenden Künstlers steht für das Motto der Ausstellung „Interactions 2026“, mit der die Bundeskunsthalle ihr Publikum ab Freitag wieder zum Spielen und zur Auseinandersetzung mit Kunstwerken einlädt. Die Arbeiten stehen in diesem Jahr unter dem Zeichen der sozialen Nachhaltigkeit, des Zusammenhaltes und der Achtsamkeit, wie Intendantin Eva Kraus erklärt. Bis zum 1. November dürfen die meisten der insgesamt 17 Installationen auf dem Vorplatz, im Foyer und auf dem Dach der Bundeskunsthalle angefasst und genutzt werden.

Im Foyer der Bundeskunsthalle steht zum Beispiel ein filigranes Tier aus messingfarbenen Rohren, die in Trompeten- oder Posaunentrichter münden. Entsprechend befinden sich an dem Konstrukt zehn Mundstücke, in die Besucherinnen und Besucher hineinblasen können. So entsteht der Sound des fiktiven „Protosaurus“ - geschaffen von dem österreichischen Künstler Constantin Luser.

Nach dem Sprint: Ausruhen auf der rosa Welle

Zu kurzen Sprints animieren die Tartan-Laufbahnen, die die deutsch-polnische Künstlerin Natalie Brehmer im Foyer, vor dem Eingang und auf dem Dach der Bundeskunsthalle platziert hat. Die Fragmente passen sich in die Architektur ein und ergeben - könnte man sie aus der Vogelperspektive betrachten - das Oval einer Leichtathletikanlage. Ausruhen können Besucherinnen und Besucher dann auf einer meterlangen rosafarbenen Wellenfläche auf dem Dach der Bundeskunsthalle. „Onda“ (Portugiesisch für Welle) des Düsseldorfer Bildhauers Martin Pfeifle bietet vielen Menschen Platz zum Liegen, Sitzen und Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen.

Blindenschrift aus Zuckerstreuseln

Viele der Arbeiten kreisen um das Thema Kommunikation. So etwa auch drei riesige pastellfarbene Schaumküsse mit dem Titel „Illusionary Silence (Triptychon: Silence, Insight, Modesty)“ der in Barcelona geborenen, in der Schweiz lebenden Künstlerin Aletheia Kí Zoeÿs. Sie sind mit bunten Punkten übersät, die an Zuckerstreusel erinnern. Doch die tiefere Bedeutung dieser vermeintlichen Dekoration verstehen nur Blinde beim Ertasten des Werkes. In Brailleschrift steht dort auf Englisch „Stille“, „Einsicht“ und „Bescheidenheit“ - Inklusion einmal umgekehrt.

Mit barrierefreier Kommunikation beschäftigt sich auch das Künstlerduo Thomas Mader und Christine Sun Kim. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Verständigung durch die amerikanische Gebärdensprache ASL. Kim ist Muttersprachlerin, während Mader die Sprache erlernt. Auf dem LED-Bildschirm an der Fassade der Bundeskunsthalle ist das Video „Find Face“ zu sehen, das die Hürden der Kommunikation thematisiert. Der zweite Teil der Arbeit im Treppenhausbereich der Bundeskunsthalle besteht aus einer Fotoserie. Sie zeigt anhand der Gesichter der beiden Künstler den Steigerungsverlauf der beiden Gebärden für „schön“ und „hässlich“.

Globales Blind Date in der Telefonzelle

Einem weitgehend aus deutschen Städten verschwundenen Kommunikationsmittel widmet sich der Düsseldorfer Konzeptkünstler Juergen Staack. Er baute vor dem Eingang der Bundeskunsthalle eine Telefonzelle auf. Auf einem Metallschild sind die Rufnummern öffentlicher Telefonzellen in aller Welt notiert. So können Besucherinnen und Besucher zum Beispiel in Shanghai, São Paulo oder Lissabon anrufen. Falls dort jemand abhebt, kann unter Umständen ein zufälliges Gespräch mit einem fremden Menschen in einem anderen Erdteil zustande kommen.

Eine Verbindung über weite Distanzen und Zeitzonen schafft auch Bettina Pousttchis „World Time Clock“. Die Künstlerin fotografiert seit 2008 Uhren auf Flughäfen, Bahnhöfen oder anderen öffentlichen Plätzen in aller Welt. Sie zeigen stets die gleiche Uhrzeit: 13.55 Uhr. Im Foyer der Bundeskunsthalle sind 22 der bislang 44 entstandenen Bilder zu sehen.

Geöffnet sind auch in diesem Jahr wieder bekannte Werke aus den vorangegangenen „Interactions“- Ausstellungen, die sich mittlerweile im Besitz der Bundeskunsthalle befinden. So etwa die Wasseranlage „Circular Appearing Room“ von Jeppe Hein, die „Bonner Rutschbahn“ vom Museumsdach hinab von Carsten Höller, ein organisches Klettergerüst von Temitayo Ogunbiyi, die drei Fußballtorwände Olaf Nicolai sowie Finnegan Shannons Bänke auf dem Vorplatz.

Von Claudia Rometsch