Kulturprojekt "Bei Anruf Kultur" vor dem Aus
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"Bei Anruf Kultur" bringt Menschen mit Handicaps in deutsche Museen
Hamburg, Düsseldorf (epd).

Das bundesweit einzigartige Kulturprojekt „Bei Anruf Kultur“ steht vor dem Aus: „Ohne neue Förderpartner kann das Projekt ab Herbst 2026 nicht weitergeführt werden“, sagt Projektleiterin Melanie Wölwer. Rund 150.000 Euro Fördergelder jährlich werden gebraucht. Jetzt startet eine Rettungsmission, um das Projekt doch noch zu sichern. „Bei Anruf Kultur“ ermöglicht den Besuch von Ausstellungen in ganz Deutschland via Telefon-Führung. Es richtet sich vor allem an Menschen, die sehbehindert oder nicht mobil sind. „Oder sie können aufgrund psychischer oder sozialer Einschränkungen keine Kulturorte besuchen“, erklärt Wölwer. Jetzt hofft ihr Team auf Unterstützung aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Initiiert wurde das Projekt 2021 vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) und der Inklusionsagentur Grauwert. Mittlerweile hat sich „Bei Anruf Kultur“ zu einer bundesweit einmaligen Plattform für niedrigschwellige Kulturvermittlung entwickelt. Doch im Oktober endet die dreijährige Projektförderung durch den Hauptpartner Aktion Mensch. Zahlreiche Ausstellungshäuser und die Stadt Hamburg beteiligten sich bereits an den Kosten, doch das reiche nicht. Wölwer hat bereits Fraktionen, Unternehmen und Stiftungen angeschrieben. „Uns läuft die Zeit weg“, befürchtet sie. Bis Juni müsse die langfristige Finanzierung stehen, sonst können die Projektmitarbeitenden nicht weiterbeschäftigt werden.

9.000 Teilnehmende

Dabei hat das Team jede Menge Arbeit, die Nachfrage ist groß. Seit 2023 gab es über 500 Telefonführungen durch rund 130 Kultureinrichtungen bundesweit. „Insgesamt haben mehr als 9.000 Menschen teilgenommen“, sagt Wölwer. Gruppen von 25 Interessierten können via Telefon kostenfrei einer Führung folgen, Ausstellungen würden so beschrieben, dass sie „vor dem inneren Auge lebendig werden“. Wölwer: „Dadurch lässt sich Kultur ganz einfach zu Hause miterleben, auch wenn man nicht live im Museum sein kann.“

„Bei Anruf Kultur“ nutzen vor allem Menschen, die sonst nicht in Ausstellungshäuser gehen können. Etwa, weil sie blind oder sehbehindert sind, ihre Mobilität eingeschränkt ist, sie in einem anderen Ort leben oder das Geld für einen Museumsbesuch fehlt. Fast jeden Tag stehen neue Kultur-Führungen auf dem Programm. Auch in Nordrhein-Westfalen beteiligen sich verschiedene Häuser wie etwa die Bundeskunsthalle in Bonn, das Kunstmuseum Ahlen, der Museumsdienst Köln, das Neanderthal Museum sowie das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm.

Kultur für alle

Besonders den inklusiven Ansatz lobt der Schirmherr des Projekts, der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SPD): „Kulturelle Teilhabe darf kein Privileg sein, sondern muss allen Menschen offenstehen - unabhängig von ihren körperlichen Möglichkeiten.“ Das Angebot könne einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass „wirklich alle miteinander über Kunst und Kultur in den Austausch“ kommen könnten.

Wie gut Kultur tun kann, hört Projektleiterin Wölwer immer wieder von Teilnehmenden. Sie hört von Menschen, die seit Jahren krankheitsbedingt nicht unterwegs sein können, Museumsbesuche „unendlich vermissen“ und über das Telefonangebot diese Welt „wieder geöffnet“ werde. Eine Teilnehmerin schrieb: „Die Führungen sind für mich wie eine Oase, in dieser einen Stunde kann ich richtig abtauchen. Das ist mein Lebenselixier.“

Von Evelyn Sander (epd)