Das gibt’s nur in Dortmund: Riesenhafte Tauben, die regelmäßig zur vollen Stunde auftauchen, aber gar keinen Dreck machen. Und wenn der örtliche Fußballklub namens BVB ein wichtiges Spiel verliert, weint sogar ein 100 Jahre alter einstiger Brauturm: Dann tropfen in der Dachkrone des heutigen Kulturzentrums „Dortmunder U“ gelbe Tränen auf schwarzen Grund. 18 Stunden lang laufen dort täglich in 60 Metern Höhe Videos, insgesamt 184 verschiedene gibt es. Der Herr dieser „Fliegenden Bilder“ ist Adolf Winkelmann. Mit seinen Filmen hat er in sechs Jahrzehnten auf vielfältige Weise vom Leben im Ruhrgebiet erzählt. Am 10. April wird er 80 Jahre alt.
Wenn Winkelmann im epd-Gespräch über seine Filmkunst am „Dortmunder U“ spricht, rudert er begeistert mit den Armen und bricht immer wieder in ein kurzes, vergnügtes Lachen aus. Die Bemerkung, dass er total zufrieden wirke, bestätigt er umgehend. „Mal abgesehen davon, dass die Stadtplaner alles zugebaut haben, sodass man den Turm nur noch von ganz wenigen Positionen aus sehen kann, bin ich mit der Arbeit selbst sehr glücklich. Ich habe keinen Druck mehr“, sagt Winkelmann über seine Videos im ehemaligen Turm der Dortmunder Unions-Brauerei. Das Winkelmann'sche Videoprogramm, das seit 2010 täglich in Dauerschleife über der Innenstadt leuchtet, ist sein Alterswerk.
Gegen den muffigen Heimatfilm der Nachkriegszeit
Geboren 1946 im sauerländischen Hallenberg, aufgewachsen in Dortmund, hat er sich dem Ruhrgebiet mit einem genauen Blick für das Milieu seiner Heimat gewidmet. In „Die Abfahrer“ (1978) unternehmen drei junge Arbeitslose mit einem gestohlenen Lkw eine ebenso spontane wie chaotische Spritztour. Die eigentlich als Zweiteiler fürs ARD-Jugendprogramm gedrehte Komödie wurde zum unverhofften Erfolg: Winkelmann gewann gleich mit seinem Kinodebüt ein Filmband in Silber. Drei Jahre später folgte mit „Jede Menge Kohle“ eine weitere Ruhrgebiets-Ballade, die ebenfalls Filmpreise abräumte und der Nachwelt einen Kultspruch hinterließ: „Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.“
Winkelmann, der in den 1960er Jahren an der Werkkunstschule in Kassel studiert hatte, gehört zu einer Generation von Experimentalfilmern, die dem muffigen Heimatfilm der Nachkriegsjahre den Kampf angesagt hatte. „Uns war selbst der Neue Deutsche Film mit Alexander Kluge und Edgar Reitz zu konventionell“, sagt er.
Ironischer Kommentar auf moderne Bilderwelt
In seinem knapp achtminütigen Kurzfilm „Kassel 9.12.1967 1154h“ läuft er, den Blick durchgehend in die auf sich selbst gerichtete Kamera gerichtet, durch die Innenstadt der hessischen Großstadt - ein musikalisch unterlegtes Film-Selfie in Schwarzweiß mit zahlreichen, verwundert und neugierig blickenden Passanten als Nebendarstellern. Es endet mit einem beherzten Biss in eine Bratwurst, denn das Tragen der Kamera hat den jungen Experimentalfilmer offenkundig angestrengt. Es ist, als hätte Winkelmann bereits vor knapp 60 Jahren einen ironischen Kommentar auf die moderne Bilderwelt mit ihren ungezählten Social-Media-Clips und narzisstischen Selbstporträts gedreht.
Winkelmann ist ein äußerst vielseitiger Regisseur. Für die WDR-Thriller „Der Leibwächter“ (1989) mit Franz Xaver Kroetz und „Der letzte Kurier“ (1996) mit Sissi Perlinger wurde er mit zwei Adolf-Grimme-Preisen ausgezeichnet.
Erfolg mit „Contergan“ und „Nordkurve“
Der Zweiteiler „Contergan“ (2007) rief einen Arzneimittelskandal der Nachkriegszeit in Erinnerung. Tausende Kinder waren mit fehlenden oder fehlgebildeten Gliedmaßen auf die Welt gekommen, nachdem den schwangeren Müttern das Schlafmittel Contergan des Stolberger Unternehmens Grünenthal empfohlen oder verschrieben worden war. Grünenthal wehrte sich juristisch vergeblich gegen die Ausstrahlung. Der mit einem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Zweiteiler sorgte dafür, dass in der Öffentlichkeit unter anderem auch über eine angemessene Entschädigung der Opfer neu diskutiert wurde.
Mit dem Wandel im Ruhrgebiet beschäftigte sich Winkelmann sein Leben lang: Das mit drei Deutschen Filmpreisen ausgezeichnete Drama „Nordkurve“ (1993) erzählt von einem ereignisreichen Samstag im Leben eines Dortmunder Fußballklubs. Und in seinem letzten Spielfilm „Junges Licht“ (2016) nach dem Roman von Ralf Rothmann erinnerte Winkelmann an den Alltag der Bergarbeiterfamilien im Ruhrgebiet der 1960er Jahre.
Buckelwale vor Grönland
Weitere Kino- oder Fernsehfilme seien nicht mehr geplant, sagt er, zumal sein langjähriger Kameramann David Slama im Jahr 2020 gestorben ist. Stattdessen genießt es Winkelmann nach eigenen Worten, dass ihm nun keiner mehr reinredet in seine Kunst. Er ist sein eigener Programmdirektor bei den „Fliegenden Bildern“. Werbung hat er sich verbeten.
Zuletzt reiste er mit seiner Tochter nach Grönland. Wochenlang tauchten später am „Dortmunder U“ die von ihm gefilmten Buckelwale immer wieder auf und ab, um auf die bedrohte Schönheit des Ökosystems Erde aufmerksam zu machen.
Im nächsten Jahr plant er eine Ausstellung mit weiteren, zum Teil noch nicht gezeigten Kurzfilmen. „Ich finde hier zurück zu meinen Wurzeln“, sagt Winkelmann, der zwei Tage nach seinem 80. Geburtstag mit einer Matinee geehrt werden soll, natürlich im „Dortmunder U“.