Fingerabdrücke, Camouflage und Mosaike: Urban Art in Völklinger Hütte
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Mehr als 50 Künstler bei Urban Art Biennale in Vöklinger Hütte.
Völklingen (epd).

Eine rostige Laterne mit zwei Lampen. Aus ihr wachsen wiederum organisch orangefarbene Arme schwungvoll in mehrere Richtungen der Völklinger Hütte - alle jeweils mit einem weiteren Lampenkopf ausgestattet und zum Sitzen geeignet. Im Dunkeln leuchten sie. Der US-amerikanische Künstler Brad Downey möchte damit einen Ort für Events schaffen, der dem Weltkulturerbe dauerhaft erhalten bleiben könnte. Etwa als Bar, wie er vorschlägt. Downey ist einer von 58 Künstlerinnen und Künstlern aus 17 Ländern, deren Werke bei der achten Urban Art Biennale in der Völklinger Hütte zu sehen sind.

Dieses Mal sind laut Kurator Frank Krämer, bis auf wenige Ausnahmen, alle Werke vor Ort entstanden. Generaldirektor Ralf Beil betont, dass Street Art und Graffiti sich immer in Reibung mit der Stadt und in Konkurrenz zu schon bestehenden Botschaften entwickelt hätten. Auch die heutige Urban Art brauche Gegen- und Mitspieler, wofür das Weltkulturerbe „unzählige Möglichkeiten“ biete. Die Biennale ist bis zum 15. November zu sehen.

Spinnennetze und Webstühle

Für die Installation „Harmony“ der polnischen Künstlerin NeSpoon waren im Vorfeld Menschen aufgerufen, Spitzendecken zu schicken. Aus ihnen hat NeSpoon mit Gummibändern so etwas wie Spinnennetze gebastelt. Von Frauen handgemacht, seien sie ein Symbol für natürliche Formen wie Schneeflocken, die man in der Welt finden könne, erklärt sie. Fäden aus industriellem Vliesstoff hat wiederum das französische Kollektiv Vortex-x unter dem Titel „Transit der Erinnerungen“ gespannt. Sie wollen damit die früheren Bewegungen und Energieflüsse in der Hütte sichtbar machen und rufen Assoziationen an Webstühle hervor.

Überhaupt beschäftigen sich viele Künstlerinnen und Künstler mit der Hüttengeschichte. Der italienische Künstler Elfo greift mit einer Installation in einem Raum die Arbeit und den früheren Stress auf: Die ganze Zeit ist ein Tinnituston zu hören. Die Österreicherin Anne Weberberger widmet sich dem Aspekt der Sicherheit. Bis in die 1950er Jahre sei Feuerschutzkleidung nicht üblich gewesen, Verbrennungen eingepreist, berichtet sie. Heute gebe es für die Führungen in der Hütte überall gelbe Sicherheitshelme. Sie gestaltet unter dem Arbeitstitel „Schmelze“ individuelle Hüte aus Bienenwachs, die nicht vor großer Hitze schützen, sondern schmelzen. Über die gesamte Hütte hinweg hat das russische Kollektiv „Frukty“ magnetische Nietköpfe aus Gips verteilt. Sie sollten laut Kurator Krämer ein Spiel mit der Wahrnehmung sein.

Kleidung zum Verstecken

Unter dem Titel „Camouflage“ und dem Hashtag #huettecouture laden die Berliner Coco Bergholm und Jo Preußler zum Verkleiden ein. Sie hätten die Oberflächen der Hütte fotografiert und anhand der Farbmuster über 200 Kleidungsstücke gefertigt, erläutert Bergholm. Die Besucherinnen und Besucher sind aufgerufen, die Kleidung anzuziehen, die passenden Orte zu finden und wie ein Chamäleon zu verschwinden. In den sozialen Medien sollen die Bilder dann geteilt werden.

Zu Aktivität und einem Rollenspiel lädt auch die Gesellschaft der Stadtwanderer unter dem Titel „Spekulative Autonome Zone Lebensgroß“ ein. Das Szenario spielt laut Mathieu Tremblin im Jahr 2046, wenn die Saar einen Teil des Geländes der Völklinger Hütte überflutet hat. Drei bis fünf Stunden sollten die Spieler dafür einplanen. Ihre Geschichten und Erlebnisse könnten sie später via Voicemail oder E-Mail an die Künstlergruppe schicken.

Mosaike für Vergänglichkeit

Der Italiener Giovanni Magnoli alias Refreshink kombiniert alte mit moderner Kunst. Mit Farben reproduziert er ein Mosaik, welches den Ausdruck „Tempus Fugit“ („Die Zeit vergeht“) enthält. Ihm gehe es darum, über die Zeit nachzudenken, die vergangene sei, erläutert er. So erschafften beispielsweise alle Künstlerinnen und Künstler der Biennale Werke, von denen aber nicht alle blieben, sondern einige auch wieder verschwänden.

Einen „archäologischen, kriminologischen Ansatz“ hat laut Kurator Krämer der Künstler Milo aus Frankreich gewählt. Unter dem Titel „Empreintes“ hat er mit zu Puder zerkleinerter Kohle aus der Völklinger Hütte nach eigenen Angaben rund 50 Fingerabdrücke von Schaufenstern in Völklingen gesammelt und zeigt 20 davon.

Weltweit erste Retrospektive von Ann Messner

Der US-amerikanischen Künstlerin Ann Messner widmet das Weltkulturerbe die erste Retrospektive weltweit. Zu sehen sind unter anderem ihre Eingriffe in den Straßenverkehr aus den 70er Jahren. Über 50 Jahre sei das mit Super8 und 35 Millimeter aufgenommene Videomaterial nicht gezeigt worden, berichtet sie. Die Werke nun auf vielen Bildschirmen zu sehen, sei „sehr bewegend“.

Erstmals hat die Völklinger Hütte auch die „Unlock Book Fair“ zu Gast. Es kommen mehr als 80 Verlegerinnen und Verleger aus 22 Ländern zur Urban Art.

Von Marc Patzwald (epd)