Es ist der Nervenkitzel, der Sina Falker dazu bewegt, sich morgens um sechs Uhr mit ihrer Kamera auf den Weg zu einem verlassenen Gebäude zu machen. „Es ist faszinierend. Man weiß nie, was einen erwartet“, sagt die Essener Fotografin. „Man betritt eine Zeitkapsel und sieht Welten, zu denen man normalerweise keinen Zugang mehr hat.“ Mit einer Foto-Ausstellung in seiner U-Bahn-Galerie gewährt das Haus der Geschichte in Bonn nun Einblicke in solche „Lost Places“ - verlassene Gebäude, in denen die Geschichte stillsteht.
Sina Falker sowie ihre Kollegen Benjamin Seyfang und Andree Joosse zeigen dort bis zum Frühjahr 2027, was sie hinter verschlossenen Türen und Mauern vorgefunden haben. Neben rund 20 großformatigen Fotografien zeigt die Ausstellung „Verlassen, verfallen, vergessen - Lost Places in Deutschland“ außerdem Objekte zum Thema wie etwa Ausrüstungsgegenstände, Puzzle oder Modell-Bausätze.
„Urban Exploration“ verbindet Abenteuerlust und Dokumentation
Die Fotografie sogenannter „Lost Places“ - verlassener Gebäude wie Industrieanlagen, Hotels oder Militäranlagen - hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einer Nischenleidenschaft zu einem eigenen Genre entwickelt. Unter dem Begriff „Urban Exploration“ (kurz: Urbex) entstand eine Szene, die Abenteuerlust, historische Dokumentation und ästhetische Fotografie miteinander verbindet.
Für Sina Falker steht die Ästhetik der verlassenen Gebäude im Mittelpunkt ihrer Arbeit. „Es ist die Schönheit des Verfalls, die Kombination aus Zerfall und Romantik.“ Hat sie sich in das Innere eines verlassenen Ortes vorgearbeitet, so versuche sie, ihn „optimal abzubilden“, sagt Falker. Licht, Farbe und Linienführung spielen dabei eine große Rolle. Die Fotografin beschäftigt sich auch mit der Geschichte der Gebäude.
Stillgelegte Zeche und Zwieback-Fabrik
So etwa die Vergangenheit der stillgelegten Zeche Westerholt in Herten, in der sie eine Werkshalle fotografierte: Ein gelbes Geländer leitet den Blick auf zwei runde, orangefarbene Gehäuse. Dort wurden die Wagen mit der im Schacht geschürften Kohle automatisch gekippt und ausgeladen. „Das war einmal eine sehr moderne Anlage“, weiß Falker. „Und es war der letzte Wagenumlauf des deutschen Steinkohlebergbaus.“ Inzwischen existiert diese Halle so nicht mehr.
In einem anderen Fabrikgebäude fand Falker drei riesige Teigknetmaschinen, die so aussehen, als könnten sie sich jederzeit wieder in Bewegung setzen. Ihr türkisfarbener Anstrich findet sich auf den Wänden wieder. Auch diese in den 1920er Jahren in Nordrhein-Westfalen gegründete Zwieback-Fabrik sei einst sehr fortschrittlich gewesen, berichtet Falker. Doch ein anderes Bundesland habe die Firma mit Fördergeldern abgeworben. Die 500 Menschen, die dort einst täglich arbeiteten, verloren ihre Jobs.
Moos auf Hotelbetten
Für Benjamin Seyfang ist die Abenteuerlust ein wesentlicher Teil seiner fotografischen Arbeit. Er nimmt auch gefährliche Zugänge in Kauf, um in verlassene Gebäude zu gelangen. Dafür machte er sogar einen Kletterkurs. Die Ausstellung zeigt Ausrüstung wie Schwimmring oder Kletterseile, die der Baden-Württemberger benutzt, um sich Zugang zu „Lost Places“ zu beschaffen.
Dort findet er Orte vor wie ein noch voll eingerichtetes Hotelzimmer in Niedersachsen. In dem Haus hatte es gebrannt und Wasser drang ein. Nun ist das Doppelbett mit einer weichen Moosschicht überzogen. Auch ein früheres Seniorenheim in Hessen erobert sich die Natur zurück. In einem Raum mit einem plüschigen Sessel und einem nussbraunen Sideboard sprießen Farne aus einer Wand.
Einstiges VEB-Kulturhaus mit Löchern im Dach
Auf verlassene Orte der früheren DDR und des Ostblocks hat sich der niederländische Fotograf Andree Joosse spezialisiert. Er fotografierte zum Beispiel in der Ruine des 1953 erbauten „Hauses der Freundschaft“ in Schkopau in Sachsen-Anhalt. Es diente einst dem VEB Chemische Werke Buna als Kulturhaus. Jetzt fällt das Licht auf die Bühne durch Löcher im Dach statt aus Scheinwerfern. Im Schwimmbad eines verlassenen sowjetischen Militärstützpunktes in Brandenburg ragt das Sprungbrett über ein leeres Becken.
Die Fotografie von „Lost Places“ hat sich in den vergangenen 20 Jahren vor allem durch die wachsenden Möglichkeiten der Recherche und Vernetzung im Internet international etabliert. Sina Falker berichtet, dass sie oft Tage und Wochen im Internet recherchiere, um den Standort interessanter verlassener Gebäude herauszufinden. Bei ihrer Arbeit bewegen sich die „Urbexer“ oft in einer juristischen Grauzone. Denn wenn sie auf fremdes Gelände eindringen, sei das Hausfriedensbruch, weiß Falker. Allerdings gilt in der Szene der Grundsatz, nichts zu verändern oder zu zerstören. So sei sie selbst zwar schon mehrfach erwischt worden. Juristische Folgen habe das aber bislang nicht gehabt.