Der Traum vom Matriarchat: Niki de Saint Phalle in Düsseldorf
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Nana-Figur in der Ausstellung
Düsseldorf (epd).

Ihre Kunst zeigt, wie radikal Freude und Freiheit sein können. In den Träumen und Werken der französisch-amerikanischen Künstlerin Niki de Saint Phalle übernehmen Frauen eine zentrale Rolle in der Welt. Mit teils riesigen Frauenskulpturen, ihren „Nanas“, wurde sie weltbekannt und sorgte für Diskussionen. Wie sich ihr Werk von destruktiven Schießbildern („Tirs“) über freudig bunte und runde Figuren und schließlich das große Skulpturenprojekt „Tarot-Garten“ entwickelt hat, ist im Düsseldorfer Kunstpalast zu erleben.

Die Ausstellung „Dream Machine“ gibt dort bis zum 2. Februar 2027 einen Überblick über das Schaffen der Künstlerin. Die Schau zeige Saint Phalle nicht nur als Künstlerin der „Nanas“, betonte Felix Krämer, Generaldirektor des Kunstpalastes, am Mittwoch in Düsseldorf. Ihr Werk sei „geprägt von radikalem Wunsch nach Selbstbestimmung“. Zudem sei sie eine der wenigen international sichtbaren Künstlerinnen ihrer Generation gewesen, die eigenständige Positionen in der Kunstgeschichte entwickelt habe. Sie habe gesellschaftliche Erwartungen unterlaufen und Grenzen gesprengt.

„Kritische Beobachterin ihrer Zeit“

Wie diese Positionen sich entwickelt haben, wird in der Schau chronologisch und thematisch in zwölf Räumen und mehr als 100 Werken aus vier Jahrzehnten gezeigt. Zu Beginn führt ein Wand-Druck des „Nana-Traumhauses“ in die Gedankenwelt der Künstlerin ein. „Im Sinne eines Matriarchats forderte Niki de Saint Phalle eine Welt, in der Frauen eine zentrale Rolle übernehmen“, heißt es dazu.

Dass Träume bei Saint Phalle keine Wirklichkeitsflucht seien, sondern Visionen für handfeste Veränderungen in der Gesellschaft, betont Kuratorin Heike van den Valentyn. Trotz ihrer fröhlichen, farbintensiven Bildsprache sei die Künstlerin eine sehr genaue und kritische Beobachterin ihrer Zeit gewesen.

Mit „Schießbildern“ gegen die eigene Wut

Saint-Phalle wurde am 29. Oktober 1930 als Kind eines französischen Vaters und einer US-amerikanischen Mutter in einem Vorort von Paris geboren. Sie wuchs zwischen Frankreich und den USA auf, arbeitete kurz als Model und Schauspielerin, bevor sie in den 1950ern die Malerei für sich entdeckte. 1960 ließ sie sich von dem amerikanischen Schriftsteller Harry Matthews scheiden und widmete sich vollends der Kunst.

Zu Beginn ihrer künstlerischen Arbeit steht die Zerstörung im Vordergrund. Das zeigen die „Schießbilder“, mit denen Saint Phalle ihrem Ärger über die Rollenbilder und Anforderungen an Frauen Luft machte. Auch der Missbrauch durch ihren Vater habe dabei eine Rolle gespielt, sagt van den Valentyn. Dabei schoss die Künstlerin mit Waffen auf zuvor präparierte Leinwände, sodass die Farbe wie Blut herunterlief.

Nanas als fröhliche Rebellion

Die ersten „Nanas“ entstehen Mitte der 1960er Jahren. Die Künstlerin habe damit einen neuen Begriff von Skulptur schaffen wollen, erklärt die Kuratorin. In einer patriarchal geprägten Welt, die Frauen auf Ehe, Kinder und das Private reduzierte, stellt Saint Phalle unerwartete Frauenfiguren in die Öffentlichkeit. In Hannover, wo 1974 einige „Nanas“ am Leineufer aufgestellt wurden, sorgten die Kunstwerke für große Diskussionen.

Denn sie widersprachen allen Erwartungen und Anforderungen an Frauen. Statt zurückhaltend und gefällig zu sein oder dem in den 60ern durch das Supermodel Twiggy geprägten extrem schlanken Schönheitsideal zu entsprechen, schuf Saint Phalle knallbunte Frauenfiguren mit prallen Rundungen, Schwangerschaftsbäuchen und teils irritierenden Formen. Diese Werke haben 2026, in Zeiten von Abnehmspritzen und „Tradwifes“ mit extrem konservativen weiblichen Rollenbildern auf Social-Media, kein bisschen an Aktualität verloren.

Mit Schaffenskraft zum Skulpturengarten

Gegen Ende der Ausstellung widmet sich ein Raum dem „Tarot Garten“ in der Toskana. Bei dem Großprojekt, das über zwei Jahrzehnte brauchte, zeigten sich die Kraft und das Selbstbewusstsein der Künstlerin, betonte Kuratorin van den Valentyn. Saint Phalle habe den Skulpturengarten mit 22 von Tarotkarten inspirierten Großkunstwerken trotz gesundheitlicher Probleme mit ihrem Mann Jean Tinguely und einem Team geschaffen. Das aufwendige Projekt habe sie durch die Vermarktung von Lizenzprodukten ihrer Kunst fast komplett selbst finanziert.

Die Schau beleuchtet laut Museum Saint Phalles „Kampf gegen Strukturen, die die Selbstbestimmung von Frauen verhindern“. Das ist gelungen. Eine große Retrospektive, in der Besucherinnen und Besucher sich verlieren können, ist „Dream Machine“ nicht. Die eher übersichtliche Ausstellung gibt dennoch einen facettenreichen Einblick in die Themen, Ambivalenzen und Herangehensweise der 2002 gestorbenen Ausnahmekünstlerin.

Von Nora Frerichmann (epd)