Es gibt wohl kaum einen Musiker, der so sehr mit dem Ruhrgebiet assoziiert wird - auch wenn er seit 2007 wieder in Berlin lebt und lange in London war: Mit seinem fünften Album „4630 Bochum“ gelang Herbert Grönemeyer 1984 der Durchbruch. Das Album „Mensch“ stand knapp 20 Jahre später elf Wochen lang auf Platz eins der deutschen Album-Charts. Bis heute engagiert sich der Sänger und Komponist gegen Fremdenhass und für eine solidarische Gesellschaft. Am 12. April wird er 70.
In Bochum wuchs Herbert Grönemeyer auf, geboren wurde er 1956 als Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer in Göttingen. Sein Vater war Bergwerksdirektor, einer seiner beiden älteren Brüder ist der Mediziner und Autor Dietrich Grönemeyer. Mit mehr als 20 Millionen verkauften Tonträgern gilt Grönemeyer als einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Musiker in Deutschland.
Am 23. Juni erhält er in Berlin den Deutschen Nationalpreis. Grönemeyer habe deutsche Pop-Geschichte geschrieben, erklärte die Deutsche Nationalstiftung. Sein stetiger Einsatz für eine offene, freiheitliche Gesellschaft und sein glaubwürdiges Plädoyer für soziale Gerechtigkeit hätten ihn darüber hinaus für viele Menschen zum Vorbild werden lassen.
„Unauffälligster auffälligster Star“
Als „wohl unauffälligster auffälligster Star“ bezeichnet ihn der Biograf Max Wellinghaus. Grönemeyers Konzerte seien längst zu Großveranstaltungen für die ganze Familie geworden, schreibt Wieland Schwanebeck in seinem kürzlich erschienenen Buch über den Künstler. Und als im Jahr 2007 die ZDF-Sendung „Unsere Besten“ den besten Musiker aller Zeiten suchte, wählten ihn die Zuschauer auf Platz eins.
Grönemeyer habe unter den deutschen Popmusikern eine Sonderstellung durch die Qualität seiner Songs, sagte Gregor Schwellenbach vom Bochumer Institut für Popmusik der Folkwang Universität der Künste dem epd zu Grönemeyers 65. Geburtstag. Seine Themen lebten „von einem Alltagsesprit und einer Bodenständigkeit“, die es seinen Fans leichtmache, sich damit zu identifizieren, erklärte der Kurator des Gronauer Rock 'n' Popmuseums, Thomas Mania.
„Gegen jede Hetze von rechts“ stellen
Er wünsche sich, „dass wir uns gemeinsam gegen jede Hetze, jedes Gelalle von rechts, jedes populistische rassistische Geblöke stellen“, sagte Grönemeyer vor wenigen Wochen auf einem Konzert in Wien. Es müsse aufhören, „gegen Menschen zu hetzen und Provokationen zu lallen“.
„Musik ist für mich bis heute politisch“, unterstrich er schon 2017 in einem Interview der Zeitung „Welt“. Künstler müssten trommeln und die Leute motivieren, aktiv zu werden. Zugleich widersetzt sich der Musiker jeder Art von politischer Vereinnahmung: So ließ er im Herbst 2024 nicht nur Friedrich Merz (CDU), sondern auch Robert Habeck (Grüne) untersagen, seine Fußball-WM-Hymne „Zeit, dass sich was dreht“ für Wahlwerbung zu nutzen.
Song „Mensch“ auf EKD-Synode
Grönemeyer lässt seine Zuhörer auch an Persönlichem teilhaben. Als im Jahr 1998 erst sein Bruder Wilhelm an Leukämie und dann seine Ehefrau Anna Henkel an Brustkrebs stirbt, verarbeitet er seine Trauer in dem Stück „Mensch“. Der Song war 2002 auch auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Timmendorfer Strand zu hören.
In den Texten und in der musikalischen Gestaltung würden Gefühle und Ängste, Sorgen und Fragen anklingen, schrieb der damalige EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock an Grönemeyer. „Dass Sie wieder auf Tournee gehen, ist für viele andere, die durch den Verlust eines lieben Menschen wie gelähmt sind, ein Zeichen der Hoffnung.“
Auch als Schauspieler Ruf erarbeitet
Bevor er als Musiker bekannt wurde, hatte Grönemeyer sich bereits einen Ruf als Schauspieler erarbeitet: in Wolfgang Petersens „Das Boot“ (1981) oder ein Jahr darauf an der Seite Nastassja Kinskis als junger Robert Schumann in „Frühlingssinfonie“.
Der Start der Musikkarriere verlief hingegen zunächst holprig. Konzerte wurden mangels Interesse abgesagt, die damalige Plattenfirma kündigte ihm. Mit seinen Stücken „Männer“, „Bochum“ und „Flugzeuge im Bauch“ schoss der Musiker mit der rotblonden Mähne und der charakteristischen Stimme dann Mitte der 80er Jahre in die Oberliga des deutschen Pop. Einen Namen hat er sich auch als Chef seiner Plattenfirma „Grönland“ gemacht, mit der er unter anderem Werke von Künstlern wieder unter die Leute bringt, die nicht mehr erhältlich sind.
Im vergangenen Jahr gab der inzwischen wiederverheiratete Musiker in ausverkauften Konzerten akustische Versionen seiner Songs aus über 40 Jahren zum Besten - unter anderem viermal hintereinander in der Dortmunder Westfalenhalle. Von den Konzerten im nächsten Jahr sind die in Dortmund und Köln schon lange ausverkauft. In München, Hamburg und Berlin gibt es aufgrund der großen Nachfrage Zusatzkonzerte.