„Domschatz wegen Umbau geschlossen“, hieß es vier Monate lang für Kunstinteressierte, Schulklassen oder Kirchenbesucher, die die mittelalterlichen Goldschätze vor allem aus dem 10. und 11. Jahrhundert sehen wollten, darunter berühmte Reliquien, Monstranzen, Kreuze und Heiligenskulpturen. Nun werden die Ausstellungsräume der Domschatzkammer direkt neben dem Dom in der Essener City wieder geöffnet, mit neuen Exponaten, moderner Beleuchtung und fein abgestimmtem Farbkonzept. „Wir wollten den Domschatz in die Zukunft bringen und unsere Objekte eindrucksvoller als bisher in Szene setzen“, erläutert Museumsleiterin Andrea Wegener.
Schon der Eingangsbereich löst dieses Versprechen ein. „Mächtige Frauen und ihr Schatz“ steht in Blattgold auf einer der schiefergrauen Wände. Ein Hinweis auf die wohlhabenden adeligen Frauen des Essener Stifts (ca. 850-1802), die die heutigen Schätze erwarben. Der erste Raum jedoch ist zunächst den neuen Exponaten der Sammlung gewidmet, mit zwei doppelseitig bemalten Altarbildern von Bartholomäus Bruyn dem Älteren aus dem 15. Jahrhundert, die jetzt in den Bestand des Domschatzes zurückgekehrt sind. Direkt neben diesen beiden Mariendarstellungen hängt die berühmte „Strahlenkranz-Madonna“, auch sie auf ihre Weise eine mächtige Frau in der christlichen Welt, die den Raumtitel rechtfertigt. Ebenfalls hier sind die Heiligen Cosmas und Damian platziert, bis heute Schutzpatrone der Stadt Essen.
Ausstellungsbereiche in Grau, Rot und Blau
Drei Domschatz-Etagen, drei Farbkonzepte: Elegantes Grau im Entrée, gedecktes Rot im Erdgeschoss und warmes Blau im Obergeschoss. Hier stehen mitten im Raum die übermannshohen Glasvitrinen der Arm-Reliquiare - mit Gold und Silber verzierte Körperteile von Heiligen und Märtyrern, teils mit Folterspuren wie Nägeln in den Fingerkuppen. „Glanz und Heiligtum“ so der Titel des halbdunklen Raumes, in dem die Exponate leuchten. „Die Reliquiare sind die wahren Schätze dieser Sammlung“, betont Kunsthistorikerin Andrea Wegener. Die knöchernen Überreste heiliger Menschen seien eine Verbindung zu den Stiftsfrauen und ihrem Gottesglauben.
Gerade bei den Vitrinen, in denen die Exponate in Augenhöhe angeordnet sind, kommt das neue Lichtkonzept zur Geltung und wird selbst zum Akteur. Die alten Halogenlampen wurden mit Hilfe professioneller Szenografen aus Dortmund ersetzt durch moderne LED-Strahler, die punktgenau eingestellt werden können „Wir haben in allen Vitrinen warmes und kaltes Licht, das bringt beides zum Strahlen, Gold und Silber,“ so Wegener. Aber auch die zahllosen farbenprächtigen Edelsteine.
Verziertes Schwert und Lilienkrone
Besonders deutlich wird das im angrenzenden Gewölberaum mit dem reich verzierten Essener Schwert und der wertvollen Kleinen Lilienkrone. „Das sind die beliebtesten Schätze“, so die Erfahrung der Museumsleiterin, „ein Highlight vor allem für Kindergruppen“. Neben Licht und Farbe sind auch die Texttafeln völlig neu formuliert worden, in einfacher, leicht verständlicher Sprache ohne viel Fachjargon und Fremdworte. Es war eine monatelange Teamarbeit und eine „Gratwanderung zwischen guter Verständlichkeit und wissenschaftlicher Exaktheit“, wie Wegener berichtet.
Auch die Kosten der Modernisierung hat sie umgehend parat: 275.000 Euro, den Großteil davon mit 244.000 Euro trägt der Museumsbauverein. Es sind Investitionen, die sich lohnen, wie auch im Rot dominierten Untergeschoss zu sehen ist - wenn man nicht gleich zu Beginn die etwas versteckte Treppe übersieht. Hier befindet sich das einzigartige Ensemble von vier reich verzierten Vortragekreuzen für Prozessionen aus ottonischer Zeit, etwa 1.000 Jahre alt, jedes einzelne im zweistelligen Millionenbereich versichert. Und eine für sich genommen eher unscheinbare Reliquie, die prunkvoll gefasst ist: sie gilt als Nagel vom Kreuz Jesu.
Ob diese ursprünglich liturgischen Gegenstände heute noch den Weg in einen Gottesdienst finden? „An hohen Festtagen wandern einige Objekte hinüber in den Dom“, bejaht Dompropst Michael Dörnemann, das Silberkreuz aus dem 14. Jahrhundert werde an Fronleichnam und Palmsonntag sogar bei der Prozession auf der Straße getragen. „Wir wollen zeigen, dass hier nicht nur Museumsstücke sind, sondern liturgische Geräte, die bis heute eine Bedeutung haben.“