Studie analysiert Missbrauchsaufarbeitung in kirchlichem Orden
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Figur mit Kreuz
Bonn (epd).

Erstmals haben Wissenschaftler in einer Studie den Aufarbeitungsprozess von Missbrauchsfällen in einer kirchlichen Institution systematisch analysiert. Die 276-seitige Untersuchung sei ein „Meilenstein“ auf dem Wege der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Redemptoristenorden, erklärte der Provinzial der Ordensgemeinschaft, Jan Hafmans, bei der Vorstellung der Publikation in Bonn. Der Forscher Heiner Keupp vom Münchener Institut IPP nannte die Studie ein „Pionierprojekt“ zur Bewertung eines Aufarbeitungsprozesses.

Die Aufarbeitung in der Provinz St. Clemens der Redemptoristen hatte den Angaben zufolge 2010 begonnen, als sich zunehmend Betroffene sexualisierter Gewalt bei der Provinzleitung meldeten. Der Orden habe damals „umfangreiche Bemühungen zur Aufklärung der gewaltvollen Vergangenheit und zur Unterstützung Betroffener“ begonnen, hieß es. Unter anderem seien weitere Betroffene gesucht worden, deren Vernetzung unterstützt und Gespräche mit der Provinzleitung und ihrem Missbrauchsbeauftragten geführt worden. Außerdem habe der Orden die erhobenen Informationen dokumentiert und veröffentlicht.

Übergriffe vor allem in Jungen-Internaten

Laut der von Betroffenen und Orden gemeinsam initiierten Studie war es in Einrichtungen der Redemptoristen vor allen zwischen den 1950er und 1980er Jahren zu sexuellem Missbrauch gekommen. Gefährdet und betroffen gewesen seien vor allem Schüler in drei Jungen-Internaten in Bonn, Glanerbrück bei Gronau und Bous (Landkreis Saarlouis). Aber auch in Klöstern, Heimen und Pfarrgemeinden hätten Übergriffe stattgefunden. Die Untersuchung nennt 29 Beschuldigte (darunter 27 Ordensangehörige und zwei Lehrkräfte) und etwa 90 Betroffene.

Die Forscher hoben hervor, dass die Redemptoristen sich bereits 2011 dem Verfahren zur Anerkennung des Leids der Deutschen Bischofskonferenz anschlossen, über das Missbrauchsbetroffene finanzielle Leistungen erhalten. Die Autoren betonen, dass sich die Aktivitäten des Ordens signifikant von dem „ansonsten häufig zögerlichen, abwehrenden und strategischen Agieren“ katholischer Institutionen unterschieden hätten. Doch habe es in den Folgejahren auch einen „passiven Modus“ und „ängstliche Konfliktvermeidung“ gegeben.

Positiv wertete das Forschungsinstitut, dass zwischen Betroffenen und Orden „ein grundsätzlicher Konsens über die Wichtigkeit von Aufarbeitung“ existiert habe. Tragfähige Verfahren und Strukturen habe es anfangs nicht gegeben. Trotz Rückschlägen und Konflikten habe sich der Prozess aber als tragfähig erwiesen. Für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in anderen Institutionen empfiehlt die Studie unter anderem eine Festlegung von Zeit- und Zielperspektiven sowie von Zuständigkeiten, die Verfügbarkeit von Instrumenten der Konfliktbearbeitung und eine „realistische Ressourcenplanung“.

Orden bittet weitere Betroffene um Meldung

Pater Hafmans erklärte, in den letzten 16 Jahren sei sich die Ordensprovinz „des Ausmaßes der Verbrechen, die Mitglieder des Ordens begangen haben“, bewusst geworden. Der schwierige Weg der Aufarbeitung sei aber „noch nicht zu Ende“. Den daran beteiligten Betroffenen sprach Hafmans „allen Respekt und höchste Achtung“ aus. Der Provinzial rief weitere Betroffene auf, sich bei den unabhängigen Ansprechpersonen des Ordens zu melden.

Für die von April 2024 bis Mai 2026 durchgeführte Untersuchung hatten Wissenschaftler des Münchener Instituts für Praxisforschung und Projektberatung Interviews mit 38 Personen geführt, davon je 13 Betroffene und Ordensmitglieder sowie Mitarbeitende in Einrichtungen der Redemptoristen und externe Beteiligte am Aufarbeitungsprozess. Außerdem wurden zahlreiche schriftliche Dokumente ausgewertet. Die Ordensprovinz St. Clemens umfasst Nordwestdeutschland, die Schweiz, die Niederlande und Flandern.

Von Thomas Krüger (epd)