Ein Pfarrer der evangelischen Markusgemeinde in Düsseldorf hat einer wissenschaftlichen Untersuchung zufolge über Jahre hinweg Männer sexuell und spirituell missbraucht. In der in Düsseldorf vorgestellten Studie berichten fünf erwachsene Männer von verschiedenen Arten sexueller Übergriffe und sexualisierter Gewalt durch den Pfarrer Hans Georg Wiedemann (1936-2015), teils über Jahre hinweg. Wiedemann war von 1973 bis 2001 Pfarrer in der Markusgemeinde. Er galt bundesweit als progressive Stimme für die Anerkennung homosexueller Menschen in der Kirche.
Der auch als Sexualberater und Autor tätige Theologe habe seine Autorität missbraucht, „um mithilfe seiner ideologischen Vorstellungen einer 'befreiten Sexualität' sexualisierte Grenzüberschreitungen und Gewalt zu normalisieren“, heißt es in der Studie. Die Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Antje Menn, räumte ein „schwerwiegendes institutionelles Versagen“ der Kirche ein, daraus müsse gelernt werden.
Machtmissbrauch und langjährige sexualisierte Gewalt
Die Betroffenen schildern laut Studie verschiedene sexuelle Handlungen gegen ihren Willen, sie reichten von „Küssen bis hin zu dem Versuch, Geschlechtsverkehr herbeizuführen und zu Masturbation in Anwesenheit der Betroffenen“. Es habe sowohl einmalige als auch länger andauernde Fälle gegeben. Ein Betroffener erlebte nach eigenen Angaben sexualisierte Gewalt über einen Zeitraum von fünf Jahren. Neben den fünf erwachsenen Betroffenen berichtet auch eine Person, als Jugendlicher im Kontext der Markusgemeinde sexualisierte Gewalt erlebt zu haben, die von anderen Tätern ausgegangen sei. Neben Interviews mit den Betroffenen wurden in der Studie auch Gespräche mit Angehörigen und Zeitzeugen sowie Akten ausgewertet.
„In allen geschilderten Situationen agierte Wiedemann in seiner Rolle als Pfarrer oder Sexualberater und nutzte seinen Handlungsspielraum machtmissbräuchlich aus“, schreiben die Studienautoren Johanna Sigl und Sebastian Hempel von der Hochschule RheinMain. Sie untersuchten Fälle von Anfang der 1980er bis Ende der 1990er Jahre, gehen aber von weiteren Betroffenen aus. Die Studie zeige auch, dass sexualisierte Gewalt nicht nur „als isoliertes Fehlverhalten einzelner Personen verstanden werden kann, sondern in spezifische kirchliche, gesellschaftliche und sexualpolitische Kontexte eingebettet ist“, sagte Sigl.
Nähe zu Helmut Kentler
Die Untersuchung konstatiert auch eine Nähe Wiedemanns zu dem 2008 gestorbenen Reformpädagogen Helmut Kentler, der pädosexuelle Positionen vertrat. Laut einer Studie der Universität Hildesheim war Kentler Zentrum eines Netzwerks, das sexuelle Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe deckte. Die öffentliche Erinnerung an Wiedemann sei „bis heute überaus positiv besetzt“, sagte Sigl. Diesem Bild wolle die Studie nun eine weitere Facette hinzufügen.
Eine juristische Auseinandersetzung mit den durch die Betroffenen genannten Taten sei wegen Wiedemanns Tod 2015 nicht mehr möglich. Eine erste Meldung mit Vorwürfen gegen ihn habe es bereits 2011 gegeben. Sie sei aber von der Kirche zunächst nicht weiterverfolgt worden, was die Wissenschaftler als „Hinweis auf die teils lückenhafte institutionelle Aufarbeitung“ werten.
Kirche hat Taten nicht verhindert
„Als Kirche tragen wir Verantwortung dafür, dass solche Taten durch unsere Strukturen nicht nur nicht verhindert, sondern begünstigt wurden“, sagte die rheinische Vizepräses Menn. Viel zu oft seien Betroffene nicht gehört worden und stattdessen „auf Wegsehen, Nichtglauben und Schweigen“ gestoßen. Die Kirche rief weitere Betroffene auf, sich zu melden.
Der Düsseldorfer Superintendent Heinrich Fucks erklärte, Entsetzen und Scham über die neuen Erkenntnisse zu Wiedemann seien groß, weil sie ihm vertraut und seine seelsorgliche Arbeit geschätzt hätten. Er sei im damaligen Diskurs eine „leuchtende Figur“ gewesen. Fucks räumte „folgenschwere Versäumnisse“ vor Ort ein. So habe die Studie gezeigt, dass die Aktenführung des Kirchenkreises in „desolatem Zustand“ sei. Laut Sigl war deshalb keine vollständige Rekonstruktion der Ereignisse um Wiedemann möglich.