„Lothar Kreyssig war ein großartiger Mensch, der gerade und klar gestanden ist, und in Zeiten der Dunkelheit in Deutschland eine Figur des Lichts war“, sagt der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Friedrich Kramer. Wie ist das möglich? Der 1898 im sächsischen Flöha geborene Jurist war in der Zeit des Nationalsozialismus Richter und hatte noch vor Hitlers Machtergreifung NSDAP gewählt. Der 40. Todestag von Lothar Kreyssig (1898-1986) lenkt den Blick auf seine Biografie und das, was er Bleibendes hinterlassen hat.
Am 5. Juli 1986 starb Kreyssig im nordrhein-westfälischen Bergisch Gladbach. „Sein Name steht für Mut zum Widerspruch gegen Unrecht, für die Verteidigung der Menschenwürde und für die Überzeugung, dass Versöhnung stärker sein kann als Hass und Gewalt“, sagt etwa der Vorsitzende des Lothar-Kreyssig-Friedenspreises, Stephan Hoenen. Kreyssig hatte sich nach kurzer Zeit gegen das NS-System gestellt und trat 1934 als evangelischer Christ der Bekennenden Kirche bei. Deshalb betrieben die Nationalsozialisten wiederholt Ermittlungsverfahren gegen ihn - doch erfolglos.
Mensch geblieben in schwieriger Zeit
1940 erfuhr Kreyssig von Hitlers Euthanasieprogramm, bei dem etwa 70.000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen durch Giftgas ermordet wurden. Daraufhin stellte er Strafanzeige - als einziger von 14.000 Richtern und Staatsanwälten in Deutschland, erinnert Kramer. Daraufhin sei er aus dem Dienst entfernt worden.
Dennoch versteckte er auf seinem Hof bis zum Kriegsende Juden - wofür er und seine Frau 2018 posthum von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte der Völker“ geehrt wurden. Kreyssigs Leben zeigt, „dass selbst schwerste Konflikte nicht das letzte Wort behalten dürfen“, ergänzt Hoenen.
Begründer der Aktion Sühnezeichen
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Christ zu einem Wegbereiter der Versöhnung. Zunächst als Mitarbeiter der evangelischen Kirche in Magdeburg. Aber auch in der ökumenischen Zusammenarbeit mit anderen Kirchen und über die Grenzen der entstehenden beiden deutschen Staaten hinweg.
„Mit seiner Initiative zur Gründung von Aktion Sühnezeichen im April 1958 setzte Kreyssig ein Zeichen, das weit über Deutschland hinaus Wirkung entfalten sollte“, blickt Stephan Hoenen zurück. Aus der Erkenntnis deutscher Schuld sei die Bereitschaft zu Verantwortung, Begegnung und Versöhnung erwachsen. „Tausende junge Menschen haben seither in diesem Geist Brücken zwischen Nationen, Religionen und Generationen gebaut“, betont Hoenen. Neben der bis heute wichtigen und wertvollen Arbeit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste verfolgt auch der alle zwei Jahre in Magdeburg vergebene Lothar-Kreyssig-Friedenspreis die Werte seines Namensgebers.
Impulsgeber für die Hilfsorganisation „Brot für die Welt“
Wie Bischof Kramer erinnert, gründete Lothar Kreyssig zudem die „Aktionsgemeinschaft für die Hungernden“, aus der 1959 das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ entstand. „Schon vor über 70 Jahren hat er Fragen von Gerechtigkeit, Frieden, die Bewahrung der Schöpfung und Menschenrechte aufeinander bezogen. All diese Themen gehörten für ihn zusammen und fordern auch heute noch Kirche zum aktiven Engagement heraus“, ergänzt Jens Lattke, der Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums der mitteldeutschen Landeskirche. Mit den Worten „man kann es einfach tun“ rief Kreyssig zum Handeln auf, wo seine Zeitgenossen sich bisweilen hinter schönen Worten versteckten.
Martin Kreyssig, der Enkel Lothar Kreyssigs, erinnert angesichts aktueller Entwicklungen an dessen Vermächtnis: „Christliche Friedensverantwortung bedeutet weder Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht noch den Verzicht auf Solidarität mit den Angegriffenen. Wo Menschen unterdrückt, verfolgt oder ihrer Freiheit beraubt werden, sind alle Menschen aufgerufen, ihre Stimme zu erheben.“ Das sei auch für die kommenden Preisverleihung des Lothar-Kreyssig-Friedenspreises im Herbst 2027 das Credo, ergänzte der Kuratoriumsvorsitzende Hoenen.