Wenn der Streit beim Chatten eskaliert
s:63:"Immer mehr junge Menschen leiden unter Ängsten und Einsamkeit.";
Immer mehr junge Menschen leiden unter Ängsten und Einsamkeit.
Bei Text-Nachrichten kann es leicht zu Missverständnissen kommen
Essen (epd).

Es ist die Standard-Kommunikation im Alltag: Um mit Freunden und Verwandten im Austausch zu sein, werden Text-Nachrichten verschickt, oft über Messenger wie WhatsApp oder Signal, schnell, direkt. „Ich glaube, meine Studierenden kennen Telefonate gar nicht mehr“, sagt Steffen Pappert, Professor für germanistische Linguistik an der Universität Duisburg-Essen, mit einem Schmunzeln. Sprachnachrichten über das Handy seien bei vielen oft schon „das höchste der Gefühle“.

Aber was einfach und rasant funktioniert, geht manchmal auch schnell schief. Wo Mimik, Gestik und Tonfall fehlen, kann es leicht zu Missverständnissen und Streit kommen. „Fexting“ nennt man Streit und Konflikte, die beim Austausch digitaler Text-Nachrichten entstehen, zusammengesetzt aus „Fighting“ und „Texting“.

Emojis können eine Hilfe sein, sorgen aber auch für Missverständnisse

Dieses Phänomen trifft auch auf Paare und beim Dating zu. Die Partnerschaftsbörse „Parship“ gab dazu im vergangenen Jahr eine Studie mit mehr als 3.000 befragten Frauen und Männern heraus. Das Ergebnis: Fast zwei Drittel (63 Prozent) gaben an, sich bereits schriftlich per Textnachricht mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin gestritten zu haben, viele schon häufiger. Und ein genauso hoher Anteil, 63 Prozent, war überzeugt, dass es per Textnachricht schneller zum Streit kommt als im persönlichen Gespräch.

Es scheint dabei nicht immer zu helfen, fehlende Gesichtsausdrücke oder Betonungen durch Emojis zu ersetzen: Fast jeder Zweite derjenigen, die schon einmal „Fexting“ erlebt haben (47 Prozent) war der Ansicht, dass die Symbole und Smileys falsch interpretiert und missverstanden werden können. Je nach Generation oder Gruppenzugehörigkeit werden Emojis teils unterschiedlich eingesetzt.

Die knappe Mehrheit allerdings, 51 Prozent, sah in den Emojis eher Vorteile und fand, sie könnten helfen, Missverständnisse zu vermeiden. Zu diesem Ergebnis kommt auch Pappert in seinen Forschungen. „Emojis haben mitunter einen schlechten Ruf, weil sie angeblich die Sprache verflachen“, sagt der Professor. Tatsächlich seien sie in einer kommunikativen Welt, die von Text-Nachrichten geprägt sei, eine Bereicherung, weil sie Gefühle transportierten und die Bedeutung einer Aussage verdeutlichten.

Text-Nachrichten zentral beim Online-Dating

Das kann besonders wichtig sein, wenn sich die Schreibenden noch gar nicht kennen - etwa bei der Online-Suche nach einer neuen Partnerschaft. „Text-Nachrichten sind dort heute ein zentraler Resonanzraum des Kennenlernens“, sagt Lisa Fischbach, Psychologin bei „Elitepartner“. Über die Nachrichten entstehe der erste Eindruck, würden Humor, Werte und emotionale Verfügbarkeit des Gegenübers getestet. „Wer dabei achtsam kommuniziert, schafft bereits eine gute Grundlage für die erste Begegnung.“

Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten: Die reine Text-Nachricht lasse viel Raum für Idealisierung: „Wir füllen die Lücke mit unseren Wünschen und verlieben uns mitunter in ein Bild, das der Realität nicht standhält“, erläutert Fischbach - diese Idealisierung ist das Gegenteil von „Fexting“, aber eben auch ein Missverständnis: „Ohne Stimme und Mimik interpretieren wir Nachrichten durch unseren eigenen emotionalen Filter: Wir lesen nicht, was geschrieben steht, sondern was wir erwarten oder befürchten“, sagt die Psychologin. Sie sprach von einem „Projektionseffekt“.

Emotionale und kontroverse Themen gehören nicht in einen Chat

Gleichzeitig bestehe in dieser Kennenlernphase die Gefahr von digitalem Streit, „wenn Erwartungen an Antwortzeiten enttäuscht oder Formulierungen missverstanden werden“. Emotionale oder kontroverse Themen gehören nach Ansicht der Psychologin besser nicht in einen Chat - zeitnah sollte zum Telefon gegriffen oder ein echtes Treffen geplant werden.

Dass persönliche Kommunikation Streit und Missverständnisse vermeiden kann, sieht auch Steffen Pappert so. „Es hat eine Wirkung, wenn man dem Gegenüber direkt in die Augen sieht“, sagt er. Es werde genauer überlegt, was man wie sage und es werde nicht schnell einfach eine Antwort „rausgehauen“. Der Blick ins Gesicht sei dann auch eine Streit-Prävention - und wenn schon nicht persönlich, dann zumindest beim Videoanruf, der geht nämlich auch mit Smartphone und Messenger.

Von Michael Ruffert (epd)