Stenografie: Voller Leidenschaft für die schnelle Schrift
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Stenografie
Bonn, Dortmund (epd).

Was noch vor 50 Jahren üblich war, ist heute eher selten: Steno. Doch es gibt immer noch Menschen mit ausgesprochener Passion für die Kurzschrift, mit der Gesprochenes sehr schnell notiert werden kann. Jascha-Alexander Koch (38) gehört zu ihnen. Der Vizepräsident des Deutschen Stenografenbundes bietet online Steno-Kurse an, leitet den Stenografenverein 1897 im hessischen Langen und versucht, ein erstes Steno-Museum in Deutschland aufzubauen.

Stenografie zu lernen, trainiert das Gedächtnis und fördert das Durchhaltevermögen. Doch nicht nur deshalb setzt sich Koch für die Kurzschrift ein: Er möchte Steno als Kulturgut bewahren. Darum unterstützt er die rund 65 noch existierenden Steno-Vereine in Deutschland. Außerdem baut er eine Sammlung auf: „Wir verfügen über 46.000 Bücher und Zeitschriften sowie Tausende Objekte und Dokumente aller Art rund um Stenografie und Maschinenschreiben.“ Immer wieder werden er und seine Mitstreiter gerufen, wenn irgendwo in Nachlässen Stenografisches auftaucht.

Er selbst kam durch seine Tante zur Stenografie: „Als Jugendlicher fand ich Aufzeichnungen von ihr aus den 1970er Jahren, die ich nicht lesen konnte, das hat mich geärgert.“ Als er erfuhr, dass es sich um Kurzschrift handelt, beschloss er, Steno zu lernen. In seinem Studium hielt Koch später stenografisch fest, was Professoren in den Vorlesungen erzählten. Schließlich entdeckte er ein inzwischen eingestelltes Fernstudium für Steno-Lehrer an staatlichen Schulen in Bayern: „Ich nahm am letzten Durchgang teil, das war 2017.“

Deutsche Steno-Meisterschaft im Mai

Regina Hofmann, Präsidentin des Deutschen Stenografenbunds mit Sitz in Dortmund, lernte schon als Kind die Zeichen und Kürzel der Kurzschrift kennen und lieben: „Mein Vater unterrichtete Steno.“ Im Mathe-Studium kam der heute 70-Jährigen ihr Steno-Wissen zugute. „Natürlich nicht, als es um Formeln ging, aber bei Vorlesungen zur Geschichte der Mathematik.“ Später im Beruf protokollierte sie Arbeitssitzungen. Heute nutzt Hofmann Steno, um rasch einen Einkaufszettel zu schreiben: „Auch mache ich stenografische Notizen, wenn ich telefoniere.“

Obwohl es nicht mehr allzu viele Menschen gibt, die Stenografie beherrschen, ist in der Szene durchaus Bewegung. Regina Hofmann bereitet gerade die für Mai geplante Deutsche Steno-Meisterschaft in Recklinghausen vor. Um die 100 Stenografen werden erwartet.

Unerlässlich für den Bundestag

Unerlässlich sind Stenografen bis heute für den Bundestag. „Über jede Sitzung wird ein Stenographischer Bericht (Plenarprotokoll) angefertigt“, heißt es in der Geschäftsordnung. Ein 41-köpfiges Team stellt aktuell den Stenografischen Dienst sicher. Der protokolliert nicht nur Debatten, sondern auch Zeugenvernehmungen in Untersuchungsausschüssen und Anhörungen. Der aktuelle Personalbestand befindet sich etwa auf dem Niveau von vor zehn Jahren, erklärt Referatsleiterin Bärbel Heising. „Und das bei mehr Sitzungswochen, bei mehr Abgeordneten und bei einer noch intensiveren Debattenkultur.“

Was Stenografinnen und Stenografen zustande bringen, kann Technik bis heute nicht leisten, erläutert die Ministerialrätin: „Der exakte Wortlaut von Zurufen zum Beispiel, vor allem aus hinteren Reihen, ist auf einer Tonaufnahme nicht oder nur vage zu hören.“ Stenografen des Bundestags halten, ebenso wie jene des Bundesrats und der Landtage, ja nicht nur Redebeiträge fest. Jeder Zuruf taucht im Protokoll mit Namen und Fraktionszugehörigkeit auf. Nachzulesen ist außerdem, an welcher Stelle der Debatte es Beifall, Unruhe oder Heiterkeit gab. Auch nonverbales Geschehen wird festgehalten. Zum Beispiel, dass jemand während der Sitzung ein Plakat gezeigt hat.

KI kann Arbeit erleichtern

Das Festhalten am Stenogramm in den Parlamenten bedeutet allerdings keine rigide Entscheidung gegen moderne Technik. KI stellt laut Bärbel Heising Tools zur Verfügung, die die Arbeit erleichtern können. „Bei KI-Transkripten besteht allerdings ein hoher Nachbearbeitungsaufwand“, ergänzt Peter Ringlstetter von der Pressestelle des Bayerischen Landtags. Für analytische Protokolle, die über Ausschusssitzungen angefertigt werden, seien sie derzeit kaum nutzbar. Im Bayerischen Landtag sind zurzeit 14 Stenografinnen und Stenografen tätig.

Auch Edeltraud Cremerius-Meyer, Vorsitzende des Stenografenvereins Bonn 1872, setzt sich für den Erhalt der Kurzschrift ein. Wie stark das Interesse schwindet, zeigt sich an der Vereinsstärke. „In den 1960er Jahren hatten wir 500 Mitglieder, jetzt sind es 30.“ Bei einigen handele es sich um Berufsstenografen in Parlamenten. Jährlich bietet der Verein Anfängerkurse an, und es nehmen regelmäßig zwischen fünf und zehn junge Leute teil, wie die 71-Jährige berichtet.

Weil nur noch wenige Menschen auf Kurzschrift spezialisiert sind, hat Steno für sie heute den Charakter einer „aufregenden Geheimschrift“: Meist gibt es niemanden in ihrer Umgebung, der lesen könnte, was sie stenografisch notiert.

Von Pat Christ (epd)