Rugby-Nationalsportler mit Querschnittslähmung
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Nationalsportler mit Querschnittslähmung
Koblenz (epd).

Florian Bongard zieht sich das blaue Jersey der Rugby-Para-Nationalmannschaft über den Kopf. Der offene Reißverschluss seiner Sporttasche verrät, was der 32-Jährige neben dem Trikot sonst noch so dabeihat: Sportschuhe, Taktiktafel und eine Sprühflasche.

„Viele von uns können wegen ihrer Lähmung nicht richtig schwitzen, die Sprühflasche ist zur Abkühlung“, erklärt Bongard. „Der Austausch mit Leuten, die schon viel länger im Rollstuhl sitzen, hat mir unfassbar geholfen.“ Ohne die Tipps seiner Teamkollegen hätte er sich am Anfang nicht einmal selbst anziehen können. Denn der junge Mann sitzt nicht schon sein ganzes Leben lang im Rollstuhl.

Nach Unfall zum Rugby

„Ich hatte einen schweren Autounfall als Beifahrer“, berichtet er. „Wir sind unter einen Lkw geraten und seitdem bin ich querschnittsgelähmt.“ Damit ist Florian Bongard einer von 140.000 Menschen in Deutschland, die mit einer Querschnittslähmung leben. Nach Angaben der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten kommen jährlich zwischen 2.300 und 2.500 Betroffene neu hinzu.

Nach dem Unfall kommt Bongard ins Krankenhaus Evangelisches Stift St. Martin in Koblenz. Dort empfehlen ihm Ärzte und Pflegekräfte bereits nach wenigen Wochen, mit Rollstuhlsport anzufangen. Sie leiten ihn an die Rollstuhl-Sportgemeinschaft Koblenz weiter. Dort entscheidet er sich für Rugby.

Von der Reha in die Nationalmannschaft

Was als eine Art Reha-Sport anfängt, wird für Bongard zu einem Hobby, das ihm nicht nur Spaß macht, sondern in dem er auch Leistung bringen will. „Ich hatte wieder ein Ziel vor Augen“, sagte er. „Als ich dann gehört habe, dass es eine Nationalmannschaft gibt, wollte ich unbedingt Teil davon sein.“

Rugby schenkt ihm in den ersten Monaten im Rollstuhl nicht nur wieder Antrieb, er sei auch deutlich fitter geworden und dadurch selbstständiger, sagt er. „Ich habe auch gelernt, besser mit Rückschlägen umzugehen. Rugby ist für mich ein Ausgleich, um Dampf abzulassen.“

Heute ist Bongard Kapitän der Mannschaft. Nicht nur bei seinem Heimatteam, den „Koblenz Speedos“, sondern auch in der Nationalmannschaft. 2024 nahm er für Deutschland an den Paralympics in Paris teil. „Das war ein Traum, den ich mir da erfüllen konnte“, erzählt er stolz. Sein Ziel: 2028 auch bei den nächsten Spielen in Los Angeles dabei zu sein.

Geringe Förderung für Paralympics-Teilnehmer

Als Spitzensportler ist Bongard viel unterwegs. Zweimal die Woche Training, Spiele am Wochenende und Trainingslager. Im August geht es zur Weltmeisterschaft nach Brasilien. Ohne seinen Beruf als Finanzbuchhalter wäre es für ihn nicht möglich, seinen Sport so ausüben zu können. Denn Para-Athleten werden nicht im gleichen Maß gefördert wie der Regelsport.

Für olympische Athletinnen und Athleten hat es nach Angaben des deutschen Behindertensportverbands (DBS) bei den vergangenen Olympischen Spielen im Sommer und Winter rund 1.700 Förderplätze gegeben - bei knapp 620 Teilnehmenden. Im Gegensatz dazu stünden den rund 200 Athleten mit einer körperlichen Behinderung, die an den Sommer- und Winter-Paralympics teilnahmen, nur 160 Förderplätze zur Verfügung.

Para-Leistungssport bleibt für viele Hobby

„Für viele ist und bleibt die Nationalmannschaft im Parasport selbst bei Paralympics-Teilnehmern und Medaillengewinnern ein Hobby“, sagt Mareike Miller, Rollstuhlbasketball-Nationalspielerin und Gesamt-Aktivensprecherin im DBS. „Das kann weder Ziel noch Anspruch der durch den Bund und die Stiftung Deutsche Sporthilfe mit vielen Millionen Euro finanzierten Athletenförderung sein.“

Noch deutlicher werde die Schieflage mit dem Blick auf vergleichbare Nationen, sagt Miller. So entfalle etwa in Australien ein Viertel des Leistungssport-Etats auf den paralympischen Sport. In Frankreich seien gut 23 Prozent der Athletinnen und Athleten, die eine Individualförderung erhalten, dem Parasport zuzuordnen. Auch bei Florian Bongard und seinen Teamkollegen ist dieses Gefälle spürbar. „Ein neuer Sportrollstuhl kostet mindestens 10.000 Euro. Ohne Unterstützung von Sponsoren oder der Krankenkasse kann sich das keiner mal eben so leisten“, sagt der Sportler.

Auch an anderer Stelle spüre ein Para-Athlet Benachteiligung, fügt Bongard hinzu: „Ich würde mir mehr Aufmerksamkeit für Parasport wünschen.“ Wenn die Paralympics im Fernsehen übertragen werden, solle im gleichen Umfang wie bei den Olympischen Spielen berichtet werden: „Wir trainieren ja genauso hart.“

Von Selina Groß (epd)