Medienexpertin: Family-Influencer verletzen Intimsphäre ihrer Kinder
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Influencer verdienen Geld mit Videos über das Leben ihrer Kinder (Archivbild).
Bremen, Düsseldorf (epd).

Die erste Studie zum Family-Influencing zeigt nach Ansicht der Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt brema, Cornelia Holsten, dass kommerziell von Eltern betriebene Social-Media-Kanäle für Kinder eine große Gefahr darstellen. „Die Gesellschaft muss begreifen, dass Family-Influencing kein Nischenthema ist“, sagte die Juristin in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) und ergänzte: „Es ist an der Zeit, den Influencern die Sorglosigkeit zu nehmen.“ Die Aussicht auf schnelles Geld führe offenbar bei manchen Eltern dazu, dass sie die Gefahren ausblendeten.

Für die Studie hat das Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut in Hamburg im Auftrag mehrerer Landesmedienanstalten rund 10.000 Einzelpostings von 359 deutschsprachigen Profilen auf Instagram, YouTube und TikTok untersucht. Die Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung im Auftrag der Landesmedienanstalten Bremen, Berlin-Brandenburg, Hamburg-Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zeigt erstmals das Ausmaß und die Risiken des sogenannten Family-Influencings in Deutschland. Demnach erreichen die Eltern-Influencer zusammen mehr als 109 Millionen Follower. Rund ein Drittel der Eltern, die einen kommerziellen Account auf Social-Media-Plattformen betreiben, zeigt Kinder in ihren Posts klar erkennbar. „Das ist ein Drittel zu viel“, stellte Holsten klar. Die brema hat die Studie federführend betreut.

Warnung vor der Preisgabe intimer Informationen

Kinder sollten auf kommerziellen Family-Influencing-Kanälen gar nicht oder zumindest nur unkenntlich auftauchen, empfiehlt Holsten den Eltern: „Was spricht dagegen, nur den Hochstuhl oder das Gläschen mit Brei zu zeigen?“ Gerade in Zeiten von Deepfakes biete selbst die Verpixelung keine Sicherheit vor dem Missbrauch der Bilder etwa durch Pädophile. Auch sollten die Eltern darauf achten, dass intime Informationen wie Namen, Geburtstage, die Wohnungseinrichtung und der Wohnort nicht preisgegeben würden.

Kinder würden in ihrem eigentlichen Schutzraum und ihrer Privatsphäre, zum Teil sogar in intimen Situationen wie Toilettengängen gezeigt, monierte Holsten. Kleinkinder und Babys hätten gar nicht die Chance, zu widersprechen. „Einige werden von Anfang an ans Arbeiten gewöhnt, manchmal müssen sie sich am Tag mehrfach umziehen.“ Szenen würden mehrfach geprobt, oft laufe sogar beim Essen die Kamera. „Das kann das Eltern-Kinder-Verhältnis beeinträchtigen und den Kindern das Gefühl von Sicherheit nehmen, das sie in ihrem eigenen Zuhause haben sollten.“ Zudem könnten viele Szenen den Kindern, spätestens wenn sie in die Pubertät kommen, peinlich sein.

Agenturen sollten Kinderschutz vertraglich regeln

Holsten plädiert dafür, dass die Werbewirtschaft und die Agenturen in den Verträgen mit den Family-Influencern Kinderschutzklauseln einarbeiten. „Das kann sehr schnell umgesetzt werden.“ Auch die Gesetzgeber sollten handeln, forderte die Juristin. So könnte etwa das Jugendarbeitsschutzgesetz die Regeln auf das Family-Influencing erweitern, die derzeit für Kinder bei der Mitarbeit an Werbespots, Filmen oder Serien gelten. Die Länder könnten zudem ihren Staatsvertrag zum Jugendmedienschutz um Aufsichtsmöglichkeiten für kommerzialisierte Darstellungen von Kindern erweitern.

epd-Gespräch: Martina Schwager