Die öffentlich-rechtlichen Sender WDR und MDR wollen die Geschichte der deutschen Teilung mithilfe der App „OstWest Zeitzeugen - Mauerjahre in AR“ erlebbar machen. Zum 65. Jahrestag des Mauerbaus seien Jugendliche aus ganz Deutschland eingeladen, selbst Fragen an Zeitzeugen zu stellen, teilten WDR und MDR zum Start der App mit „Augmented Reality“ (AR) am Dienstag in Köln mit. Die Jugendlichen begegneten den Zeitzeugen innerhalb der „virtuellen Realität“. Ihre Erzählungen werden durch Fotos, Texte, Audios oder Illustrationen ergänzt. Die App ist noch nicht abgeschlossen.
Sie wurde mit der Hochschule Düsseldorf zum 65. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August 1961 entwickelt. Die erste Version bilde eine „Rampe“ zum Dialog zwischen Jung und Alt, zwischen Ost und West, erklärten WDR und MDR. Schülerinnen und Schüler aus Köln, Bergheim, Neuss, Halle und Leipzig seien an der Konzeption beteiligt gewesen. Die 17-jährige Anabell-Juli aus Halle schildert in einem Einspielfilm für die Presse, dass ihre Eltern nicht viel über die Zeit des Mauerbaus berichteten. Doch wolle sie sowie ihre Altersgenossen mehr über die Gründe und Hintergründe erfahren. Die interaktive App ermögliche, dass dieses historische Kapitel erlebbar werde, sagte WDR-Intendantin Katrin Vernau.
Wendepunkte: Flucht in den Westen oder Dableiben als politischer Gegner
In der Start-Version berichten Zeitzeugen, wie die Trennung Berlins 1961 zum Wendepunkt in ihren Leben wurde, wie die Macher erläuterten. Zeitzeugin Elke Rosin schildert ihre damals kurz entschlossene Flucht mit ihrem Bruder aus der Familienwohnung im Osten, rüber nach Westberlin in eine „ganz andere Welt“, eigentlich nur auf die andere Straßenseite: Das ungespülte Geschirr blieb stehen, Gepäck reichte der Vater aus dem Fenster, während die Nachbarn angesichts nahender Volkspolizisten zur Eile mahnten.
Zeitzeuge Jörg Hildebrandt war in der DDR geblieben, obwohl er das politische System ablehnte. Er lebte in der Bernauer Straße, die entlang des städtischen Grenzstreifens verlief, weil sein Vater dort bis zum Mauerbau Pfarrer der Versöhnungskirche war. Weil Hildebrandt den Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee verweigerte, wurde er als sogenannter Bausoldat zwangsverpflichtet und kam sechs Monate in Militärhaft. In der DDR war Hildebrandt später Lektor bei der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin und arbeitete in oppositionellen Gruppen mit. Nach der Wiedervereinigung 1990 war er unter anderem für den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg tätig.
Uwe Rutkowski war SED-Mitglied und bewachte als Volkspolizist in der DDR die Grenzschließung. Weil er nicht auf Flüchtende schießen wollte, beschloss er, selbst die DDR zu verlassen. Als Fluchthelfer wurde er verhaftet und kam ins Zuchthaus. Ende 1965 wurde er von der Bundesrepublik freigekauft, blieb aber freiwillig bei seiner Lebensgefährtin in der DDR. 1975 wurde ihm die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt, und er siedelte in die Bundesrepublik über.
Aufruf zum Mitmachen
Die Erzählungen der drei Zeitzeugen mündeten in einen Aufruf an die jungen User, ihre Fragen bis Ende Oktober abzuschicken, hieß es. Diese würden mit Unterstützung der „Stiftung Berliner Mauer“ und der Landesschülervertretung NRW gesammelt und in weiteren Interviews beantwortet. Einzelne Jugendliche aus Ost- und Westdeutschland erhielten zudem die Möglichkeit, ihre Fragen den Zeitzeugen persönlich im Studio zu stellen. Die Antworten erscheinen in einem Update zur Bildungsmesse „didacta 2027“ in Köln. Mit der schrittweisen Veröffentlichung weiterer Kapitel bis 2029 stelle die ARD sicher, dass neue Impulse aus dem Dialogprozess zwischen Ost und West einfließen könnten.
Das Angebot richtet sich an Schüler ab der neunten Jahrgangsstufe, wie der WDR erläuterte. Begleitend stünden kostenfreie Unterrichtsmaterialien zur Verfügung. Die App zum Mauerbau knüpft an die Angebote „WDR AR 1933-1945“ und „Zeitzeugen 1945 - Trümmerjahre in AR“ an.