Der Brettspiel-Boom: Volle Konzentration im Hier und Jetzt
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Der Brettspiel-Boom
Heilbronn, Essen (epd).

Es ist voll in der „unschlagBar“ in Heilbronn. An den Tischen sitzen Menschen, die nicht nur hierhergekommen sind, um etwas zu trinken. Sie wollen auch gemeinsam Spiele spielen. Hier können sie sich aus knapp 400 Spielen bedienen, darunter Würfel-, Party- oder Strategiespiele. „Die “unschlagBar„ besuchen auch viele Leute, die sonst nicht so oft in Bars gehen, aber Brettspiele mögen“, sagt Marcel Gibler, der gemeinsam mit Paul Würtemberger im März 2025 die Bar eröffnet hat.

In anderen Städten gibt es ähnliche Angebote, etwa in Hamburg das Brettspiel-Café „Würfel & Zucker“ oder Spieltreffs in Bibliotheken oder Schulen.

Messe für Brettspiele erwartet Besucherrekord

Brettspiele liegen im Trend: Das zeigen Angebote wie die „Brettspielakademie“, in der man sich zur Fachkraft für Gesellschaftsspiele weiterbilden lassen kann und auch die „Spiel Essen“ vom 22. bis 25. Oktober, die weltweit größte Besuchermesse für Brettspiele.In diesem Jahr erwarten die Veranstalter einen Besucherrekord von bis zu 230.000 Menschen aus aller Welt. Nach Angaben des Verbands „Spieleverlage“ aus Nürnberg hat der Umsatz mit reinen Spielen allein von Januar bis September 2025 um mehr als sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugelegt.

„In Deutschland haben wir eine sehr stark ausgeprägte Brettspielszene“, sagt Michael Conrad, Brettspielforscher an der Universität Konstanz. „Nicht ohne Grund spricht man bei Spielen mit anspruchsvolleren Regeln in den USA von den 'German Board games'.“

Der Weg zum fertigen Spiel ist lang

Spiele wie „Siedler von Catan“ seien international bekannt und erfolgreich. Die deutsche Liebe zu Brettspielen erklärt sich Conrad auch dadurch, dass Deutschland als eine sehr konformistische Gesellschaft bekannt sei: „Das Befolgen von Regeln ist tief in unsere Kultur eingepflanzt“, glaubt er. Historisch gesehen kommt nach seiner Einschätzung unter anderem eine ausgeprägte Bastlermentalität hinzu. Dies bedeute auch Lust am Entwickeln von Spielen.

Die Berlinerin Anja Wrede ist Spieleautorin und hat schon viele Kinderspiele entwickelt wie „Gänsemarsch“ und gemeinsam mit Christoph Cantzler „Monsterjäger - Das Kartenspiel“. Der Weg zum fertigen Spiel ist lang, sagt Wrede. Er beginnt mit einer Idee, führt zum Bau eines Prototyps, dem intensive Testrunden folgen, bevor die Spiele einem Verlag angeboten werden.

Gemeinsames Spielen fühlt sich gut an

Für die Pädagogin steht fest: Ein gelungenes Kinderspiel darf nicht zu lange dauern, muss optische Erfolgskontrollen bieten und sollte im Idealfall Lerninhalte spielerisch nebenbei vermitteln, wie das Silbentraining in ihrem neu aufgelegten Spiel „Wer klopft denn da“.

Wrede beobachtet schon seit der Corona-Zeit einen neuen Boom bei Brettspielen. Ein Grund für diese Entwicklung aus ihrer Sicht: Gerade, wenn der Alltag nicht einfach sei, fühle es sich gut an, zu spielen. „Eine kleine gemeinsame Beschäftigung, die für Unterhaltung sorgt und wo es Regeln gibt, an die sich alle halten.“ Außerdem könne es beim Spiel entspannend sein zu wissen, dass man durch den Zufall etwas Verantwortung abgebe. „Ich habe nichts falsch gemacht, ich folge nur dem, was der Würfel mir vorgibt.“

Trend zum Miteinander: Kooperative Spiele sind beliebt

Im Trend liegen kooperative Spiele, bei denen die Gruppe gemeinsam gegen das Spiel antritt, anstatt gegeneinander zu wetteifern. Wenn man gemeinsam auf der Suche nach der besten Lösung sei, den Herausforderungen trotze und diese bewältige, führe das automatisch zu einer verbesserten Kommunikation und konstruktiver Zusammenarbeit, sagt Conrad, der kooperative Spiele wissenschaftlich erforscht. Seiner Meinung nach sind kooperative Spiele deshalb besonders beliebt, weil sie eine gute Art der Zusammenarbeit ermöglichten, die man im Alltag oft vermisse.

Egal, ob wettkampforientiert oder kooperativ: Im Gegensatz zu digitalen Spielen trete man bei Brettspielen direkt in einem Raum in Kontakt. Sie böten einen Freiraum für echte, analoge Begegnungen. Der Trend zu Brettspielen zeige auch eine zunehmende Sehnsucht nach realer Begegnung, sagt der Wissenschaftler.

Nach Ansicht von Spieleautorin Wrede haben Brettspiele im Vergleich zu vielen Online-Spielen auch den Vorteil, dass sie weniger Suchtpotenzial enthielten: Sie haben einen klaren Anfang und ein klares Ende und es geht nicht immer in das nächste Level.

In der „unschlagBar“ in Heilbronn scheinen die Spieler die Offline-Spiele zu genießen. „Mir fällt auf, dass bei uns kaum Handys auf dem Tisch liegen“, sagt Marcel Gibler. Bei fast 400 Brettspielen geht die volle Konzentration ins analoge Zocken.

Von Judith Kubitscheck (epd)