Aufklärer und Impulsgeber - Stimmen zum Tod von Jürgen Habermas
s:26:"Soziologe Jürgen Habermas";
Soziologe Jürgen Habermas
Starnberg, Düsseldorf (epd).

Spitzenpolitiker und Vertreter aus Kirchen, Kultur und Wissenschaft trauern um Jürgen Habermas. Stimmen zu seinem Tod:

* Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb in einer Kondolenz an die Familie des Philosophen: „Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen hat.“ Er habe „maßgeblich dazu beigetragen, dass die intellektuelle Öffnung unseres Landes für die politische Kultur des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg gelang“. Damit sei der Weg zu einer gefestigten Demokratie geglückt. „Leidenschaftlich hat er sich für die Überwindung von Nationalismus, für die europäische Einigung als Lehre aus Krieg, Völkermord und totalitärer Herrschaft eingesetzt“, schrieb Steinmeier.

* Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte, Habermas habe mit Weitblick und historischer Größe politische und gesellschaftliche Entwicklungen begleitet: „Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs und wirkte wie ein Leuchtfeuer in tosender See.“ Für das Gemeinwesen seien seine intellektuelle Eindringlichkeit und seine Liberalität unersetzlich gewesen.

* Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) sagte, Habermas' Werk erinnere daran, dass Demokratie mehr sei als Mehrheiten. „Sie ist die gemeinsame Suche nach besseren Gründen“, sagte die CDU-Politikerin. Habermas sei über Jahrzehnte hinweg „Impulsgeber des fairen demokratischen Diskurses“ gewesen.

* Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) sagte, Habermas habe als „Meisterdenker“ die geistigen Grundlagen der Demokratie in der Bundesrepublik geprägt und „ein Gehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz“ geschaffen. Zugleich sei er ein „engagierter Kämpfer für Demokratie, Vernunft, Meinungsfreiheit und das vereinigte Europa“ gewesen.

* Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) nannte Habermas „einen der größten Denker unserer Zeit“. Er habe „gezeigt, dass Demokratie vom Gespräch lebt - von der Bereitschaft zuzuhören, Argumente auszutauschen und gemeinsam nach Wahrheit zu suchen“.

* Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) nannte Habermas einen „Freiheitsphilosophen“. „Durch ihn wissen wir, dass das Projekt der Aufklärung noch lange nicht abgeschlossen ist“, erklärte Wüst.

* Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SPD) schrieb im Netzwerk LinkedIn: „Keinem Menschen verdanke ich in meinem Denken mehr als dem großen Philosophen und Soziologen. Und vermutlich hat niemand die gesamte demokratische Kultur der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren mehr geprägt als Habermas.“ Der große Philosoph sei tot, aber seine Ideen seien aktueller denn je. „Wir gedenken seiner am besten, indem wir auf der Möglichkeit universeller Vernunft beharren“, schrieb Brosda.

* Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte der „Rheinischen Post“: „Jürgen Habermas war nicht nur ein Jahrhundert-Philosoph, sondern ein herausragender Intellektueller, der Philosophie nicht als theoretische, sondern praktische Wissenschaft verstanden und vermittelt hat.“

* Der Linken-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi erklärte: „Mit Jürgen Habermas geht der größte Philosoph Deutschlands in vielen Jahrzehnten. Er machte den Sinn und Zweck von Philosophie deutlich.“

* Der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) sagte, die Welt verliere „einen der wichtigsten Philosophen der Nachkriegszeit“. Seine tiefe Überzeugung von der Kraft einer auf Vernunft basierenden Kommunikation habe Maßstäbe gesetzt.

  • Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, nannte Habermas einen Ausnahme-Philosophen: „Die Weite seines Denkens und die visionäre Kraft, Brücken zwischen der Philosophie und Religion zu bauen, werden bleiben.“
  • Der bayerische evangelische Landesbischof Christian Kopp schrieb im Netzwerk Instagram, Habermas habe die Kirchen ermutigt, „ihre Stimme verständlich und verantwortungsvoll in den öffentlichen Diskurs einzubringen“. Zugleich habe er alle Religionen daran erinnert, „ihre Hoffnung auf Erlösung und ihre Sprache der Transzendenz nicht aufzugeben“. Demokratie lebe davon, dass Menschen gemeinsam nach guten Gründen suchen, schrieb Kopp weiter: „Dafür stand Habermas wie kaum ein anderer.“
  • Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, erklärte, Habermas sei der einflussreichste öffentliche Intellektuelle der Bundesrepublik Deutschland gewesen, dessen Stimme auch im wiedervereinigten Deutschland nach 1990 und stets weit über Deutschland hinaus wahrgenommen worden sei. Seine Arbeit wirke über seinen Tod hinaus.
  • Jonathan Landgrebe, Chef des Suhrkamp Verlages, schrieb zur Todesnachricht, Habermas habe den Verlag über Jahrzehnte geprägt, „als Philosoph, als Autor, als öffentlicher Intellektueller, als Freund und Wegbegleiter“.
  • Der Historiker Norbert Frei sagte am Sonntag im Deutschlandfunk, der mit 96 Jahren gestorbene Philosoph und Soziologe habe seine eigene Theorie täglich im Gespräch umgesetzt: „Ich habe selten jemanden getroffen, mit dem ich so intensive Gespräche hatte.“ Mit Jürgen Habermas verbinde er Zugewandtheit und das Bemühen, im Dialog voranzukommen.